Südtirol: Wahl besiegelt Ende der Ära Durnwalder

24. Oktober 2013, 05:30
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Mit der Landtagswahl in Südtirol am Sonntag übernimmt Arno Kompatscher nach 25 Jahren das Erbe seines allmächtigen Vorgängers Luis Durnwalder - eine Zäsur. Der Neue will vieles anders machen

Die Töne sind wie immer erregt. Die unverwüstliche Patriotin Eva Klotz drängt nach 30 Jahren erneut in den Landtag und schürt die Ängste vor "der langsamen, aber sicheren Assimilierung". Silvio Berlusconis blonde Amazone Michaela Biancofiore präsentiert in hellblauen Trikots eine "Squadra Azzurra stolzer Italiener". Die Freiheitlichen werben für einen Freistaat und die gemeinsame Olympiakandidatur mit dem Bundesland Tirol. Die Südtiroler Volkspartei will genügsam "Gutes bewahren und Neues wagen".

Viel steht am Sonntag nicht auf dem Spiel, wenn 400.000 Wahlberechtigte über den neuen Landtag in Bozen entscheiden. Die allmächtige SVP könnte nach Jahrzehnten jene absolute Mehrheit verlieren, die sie 2008 noch hauchdünn verteidigen konnte. Erdrutsche werden von Demoskopen ausgeschlossen, Veränderungen dürften sich im Rahmen weniger Prozentpunkte bewegen.

Über den entscheidenden Machtwechsel, den diese Wahl besiegelt, haben die Wähler nicht zu befinden. Der scheidende Landesfürst Luis Durnwalder steht nach 25 Jahren erstmals nicht mehr auf dem Stimmzettel; sein Nachfolger Arno Kompatscher wird nicht vom Volk, sondern vom Landtag gekürt. Aus der parteiinternen Urwahl im April ging er als unbestrittener Sieger hervor.

Das Ende einer Ära

Der Machtwechsel markiert freilich das Ende einer Ära. Als im November 1969 Durnwalder in einer denkwürdigen Abstimmung als Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Pfalzen gegen das von Rom angebotene Südtirol-Paket votierte, war Kompatscher noch gar nicht geboren. Da lag der letzte Sprengstoffanschlag nur wenige Wochen zurück. 35 Jahre war Durnwalder in der Landesregierung, ein Vierteljahrhundert Landeshauptmann - wie kein anderer verkörpert der Sohn einer elfköpfigen Bauernfamilie den Wandel Südtirols von einer italienischen Provinz in eine autonome, selbstbewusste Wohlstandsregion.

Der machtbewusste Regierungsstil des 71-Jährigen, der plebiszitäre Rekordwerte von über 100.000 Vorzugsstimmen erzielte, ist keineswegs unumstritten. Noch immer empfängt er täglich zwischen sechs und acht Uhr in seinem Büro Frühaufsteher, die sich noch in der Dunkelheit dort anstellen. Jeder hat ungehindert Zutritt, um ihm seine Probleme zu unterbreiten - von der Hofzufahrt bis zur Baugenehmigung.

Kompatscher verspricht einen neuen Stil und Absage an alte Seilschaften. Sein Erfolg war auch Ausdruck des Unmuts der Parteimitglieder über Skandale und Gerichtsverfahren, die Durnwalders Umweltlandesrat Michl Laimer zwei Jahre Haft eintrugen.

Gekünstelte Aufregung

In einem Land, in dem echte Probleme wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Verarmung fehlen, prägt gekünstelte Aufregung um bescheidene Themen den Wahlkampf: das Gezänk um zweisprachige Wegweiser, das Geschwafel um Freistaat und Los von Rom, die Kandidatur einer Schwedin auf der Liste der SVP und die Spitzenkandidatin einer Bürgerliste, die Spaghettipackungen an die Wähler verteilt. Obwohl der Anteil der italienischsprachigen Bevölkerung nur 24 Prozent beträgt, wird sie von der Hälfte der 14 kandidierenden Parteien umworben. Drei Parteien wenden sich an deutsche, eine an ladinische Wähler. Grüne, Fünf-Sterne-Bewegung und Partito Democratico suchen Zustimmung in der gesamten Bevölkerung.

Um den Rechtsparteien keinen Zündstoff zu liefern, hat sich Arno Kompatscher im Wahlkampf bei ethnischen Fragen zurückgehalten. Doch die eigentliche Herausforderung, der er sich nun stellen muss, bleibt ein neues Autonomiestatut, das die Abgrenzung zwischen den Sprachgruppen reduziert und Regelungen wie den ethnischen Proporz bei der Vergabe von Arbeitsplätzen abschafft.

Keine einfache Aufgabe in einer Provinz, in der Eva Klotz den Fortbestand zweisprachiger Flurnamen als "schändliches Kulturverbrechen" brandmarkt und ihre italienische Gegenspielerin Michaela Biancofiore 9000 Euro für 1526 zweisprachige Wegweiser ausgibt, um sie am Beginn von Wanderwegen anzubringen. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 24.10.2013)

  • Der machtbewusste Langzeit-Landesfürst von Südtirol, Luis Durnwalder, scheidet aus dem Amt. Skandale aus seinem Umfeld hatten zuletzt für Unmut unter Parteimitgliedern gesorgt.
    foto: apa/schlager

    Der machtbewusste Langzeit-Landesfürst von Südtirol, Luis Durnwalder, scheidet aus dem Amt. Skandale aus seinem Umfeld hatten zuletzt für Unmut unter Parteimitgliedern gesorgt.

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