Beste Medizin: Der (verbotene) Hund im Büro

23. Oktober 2013, 17:54
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Besser kein Gscher, denken die meisten Firmen. Aber: Für Teamgeist, Gesundheit und Produktivität wären sie zuträglich

Humanisierung nennt die Wissenschaft, wenn Bello, Lola und Rex als vollwertige Familienmitglieder oder Partnerersatz betrachtet werden. Wo sich manche bei Gedankenausflügen dazu schütteln, freut sich eine Industrie, deren Wachstum die europäischen Volkswirtschaften in Jubelstimmung versetzen würde: Um zwei Prozent ist der Haustiermarkt zuletzt in Österreich gewachsen - mittlerweile geben die Österreicher über 417 Millionen Euro für Tiernahrung aus. Tierärzte, -friseure und Hundeflüsterer noch gar nicht eingerechnet. Apropos vollwertiges Mitglied der Familie: Von Wellness und Massage bis zum Adventkalender ist mittlerweile mit allem Geschäft zu machen, was sich von menschlichen Gebräuchen auf Vier- oder Zweibeiner mit Federn übertragen lässt. 

Was macht das Leben lebenswert?

Rund 1,6 Millionen Katzen, 640.000 Hunde, über eine halbe Million Nagetiere und ein paar Millionen Zierfische nebst ungezählten Einwohnern in Terrarien leben in Wohnungen und Häusern in Österreich in der ein oder anderen Form mit. Laut einer Umfrage von Nielsen im Auftrag der Allianz-Versicherung machen für 44 Prozent der Österreicher Haustiere das Leben lebenswert und sie selbst glücklich (an erster Stelle steht demnach gutes Essen, gefolgt von intakter Umwelt).

Allein: Im Büro wird der Hund, als Rudeltier schwierig länger allein zu lassen, selten gesehen. Umfragen zufolge können die wenigsten der Erwerbstätigen ihren Hund mit ins Büro nehmen. "In den USA erlauben nur 20 Prozent der Unternehmen Hunde am Arbeitsplatz, das ist erhoben. Bei uns ist es noch schlimmer", sagt Michael Weihs, Unternehmensberater bei Wien und Gründer der Plattform "Unternehmen Hund". Und mit "schlimmer" ist klar, was er meint. 160 Firmen hat er aufgelistet, die Hunde erlauben. Meist sind es kleinere Unternehmen. Nicht einmal alle Haustiernahrungserzeuger erlauben in ihren Büros die Zielobjekte ihrer Produktions- und Verkaufsanstrengungen. Auch nimmt in Österreich kein Politiker seinen Vierbeiner zu jedem VIP-Auftritt mit wie einst in Deutschland die Schröders ihren Retriever Paula.

Kein Recht auf den Hund am Arbeitsplatz

Ein Recht auf den Hund am Arbeitsplatz gebe es eben leider nicht, so Weihs. Für mehr Toleranz strengt er sich aber missionarisch an. "Oft ist es auch so", meldet man ihm, "dass ein neuer Chef kommt, und plötzlich muss der Hund weg." Egal ob dankbar stundenlang unter dem Tisch liegend und im Team ein vollwertiges Mitglied, das bei plötzlichem Ärger zur Selbstharmonisierung mal kurz gestreichelt wird, egal ob Reinigungsbeitrag für die Haare mehr auf dem Teppich von den Besitzern offeriert wird oder nicht, egal ob Zusatzversicherungspapiere vorgelegt werden oder nicht.

Für die Betroffenen schrecklich, sagt Weihs, und eine logistische Herausforderung. Natürlich lobpreisen die Besitzer die vielen guten Eigenschaften, die liebevollen Wedel, das kurze Anstupsen, die Fähigkeit, alle sofort um die Pfoten zu wickeln. Aber nicht nur die Befangenen schwärmen: Die positive Wirkung auf das Betriebsklima und die Gesundheit ist auch in verschiedenen Studien nachgewiesen. Im Sinne der Wissenschaftsgläubigkeit senkt dort allein die Anwesenheit eines Tieres im selben Raum den Blutdruck und das Empfinden von negativem Stress (University of Buffalo). In einer Studie mit Börsenbrokern verringerte das Tier im Büro die Produktion von freien Radikalen. Kurz: weniger Negatives, mehr Schutz für Herz und Kreislauf.

Glückshormon Endorphin wird ausgeschüttet

Beim Streicheln eines Tieres wird das Glückshormon Endorphin ausgeschüttet, ist ebenso gemessen. Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Müdigkeit sind verringert, wenn das Büro mit einem Hund geteilt wird. Sogar bei der Rauchentwöhnung soll der Hund helfen. Möglich, dass die Studien indirekt von der Tierfutterindustrie gesponsert werden, mögen nun die Skeptiker sagen, die das Büro rein als Ort der leistungsstarken menschlichen Pflichterfüllung sehen. Blödsinn, das spürt man doch, wie gut das tut, ereifern sich die anderen.

Sie könnten auch Studien der University of New York zitieren, welche die Verbesserung der Leistungsfähigkeit von Herrchen und Frauchen beim Kopfrechnen belegen. Ach ja, oder: Haustierfreundliche Arbeitsplätze fördern (phänomenologisch argumentiert) die Teamfähigkeit und das kollegiale Verhalten. "Gehst du mal mit ihm raus?" wird dann zur freundlichen Aufforderung.

Und für Arbeitgeber nicht zu unterschätzen: Wen die Sorge um den zu Hause wartenden Hund nicht drückt, der ist mit mehr Fokus bei der Arbeit. Ist doch logisch. Da sollte man mal Produktivitäts- und Engagement-Studien dranhängen. (Karin Bauer, Karrieren Standards, 23.10.2013)

Wissen

Fast 40 Prozent der Österreicher haben ein Haustier. Laut einer Spectra-Umfrage bereichert das für fast alle das Leben. Für 83 Prozent ist das Haustier ein guter Freud, 72 Prozent hilft es gegen Einsamkeit. Mehr als zwei Drittel betrachten ihr Haustier als vollwertiges Familienmitglied, 43 Prozent haben so das Gefühl von mehr Sicherheit. Sogar als Statussymbol darf das Haustier herhalten: 36 Prozent bekennen sich dazu. Ja, und 61 Prozent sagen ganz ehrlich, dass dieses Vieh auch Stress verursacht.

  • Hunde am Arbeitsplatz: Fast nie erwünscht, selten toleriert, oft verboten.
    foto: istockphoto.com / igorr1

    Hunde am Arbeitsplatz: Fast nie erwünscht, selten toleriert, oft verboten.

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