"Wann reitet man schon zum Drehort?"

23. Oktober 2013, 17:51
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In seinem Western "Gold" begleitet der deutsche Regisseur Thomas Arslan eine Gruppe deutscher Goldsucher auf ihrer Reise durch die Wildnis von Kanada - Eine von ihnen verkörpert Nina Hoss - Die Schauspielerin über Pferde, Frauen im Yukon und die Sehnsucht nach Leichtigkeit

STANDARD: Robert Mitchum hat einmal gesagt, er hätte zwei Schauspielstile: einen mit Pferd und einen ohne Pferd. Wie verhält sich das bei Ihnen?

Hoss: (lacht) Das ist ja toll! Um das zu beantworten, muss ich noch ein paar Filme mehr mit Pferden machen! Ich glaube, Mitchum hat recht, denn an die Pferde muss man mit Selbstbewusstsein herangehen. Sobald du unsicher wirkst, machen die mit dir, was sie wollen. Als Figur wird man dadurch auch selbstsicherer. Ich hatte viel Respekt vor den Tieren, ich mag Geschwindigkeit, hatte zum Glück keine Angst zu galoppieren - und ich habe gemerkt, es hilft, wenn ich einfach so tue, als könnte ich so gut reiten wie die Wrangler: einfach in die Mähne greifen, zack, rauf, zu und los.

STANDARD: Gab es diesen Sinn fürs Abenteuer auch sonst beim Dreh - "Gold" wurde ja zur Gänze outdoor gedreht?

Hoss: Es war vergleichbar zu Die weiße Massai - das waren damals acht Wochen in einem Land, das ich nicht kannte. Da war mir Kanada noch näher. Aber es war ein Abenteuer, auch ganz im Privaten. Wann reitet man schon morgens zum Drehort? Das hat uns alle sehr bereichert, fürs Leben - so merkwürdig das jetzt auch klingt. Es war so eine intensive Erfahrung mit den Tieren und in diesem Land. Es ist so groß, so unfassbar.

STANDARD: Waren Sie beim Dreh das erste Mal im Yukon?

Hoss: Ich habe davor eine Recherchereise gemacht, weil ich wissen wollte, wohin diese Goldsucher wollten. Ich musste dieses Dawson City sehen. Außerdem habe ich die TV-Serie dazu, Yukon Gold, angeschaut. Im Yukon gibt es diese Goldnuggets gar nicht, das ist eine Mär, es gibt nur Goldstaub. Ich habe dort Leute gesehen, die alle ein wenig verrückt sind. Abenteurer, großartige Menschen. Sie genießen ihre Freiheit, was sehr verführerisch ist. Man würde am liebsten dableiben.

STANDARD: Der Film basiert auf realen Tagebüchern von Auswanderern. Ist Ihre Figur der Emily Meyer darin schon angelegt gewesen?

Hoss: Das hat mir Thomas Arslan nie gesagt, ich habe die Tagebücher nicht gesehen. In Dawson City habe ich aber die vier Bücher, die es über Frauen im Yukon gibt, gelesen. Für diese ging es interessanterweise gar nicht so sehr um das Gold - Abenteurerinnen gab's auch -, viele waren richtige Geschäftsfrauen. Die haben etwa eine Wäscherei aufgemacht, weil sie wussten, Männer waschen nicht gerne. Und sie sind sehr reich geworden. Sie haben sich neu erfunden, weil sich die Gesellschaftsform auch neu herausgebildet hat.

STANDARD: So hatten sie die Chance, aus der Klasse, aus der sie kamen, auszusteigen.

Hoss: Genau, es gab keine Beurteilungen. Das war nicht durchzusetzen. Emily Meyer hat sich gegen die Enge des Dienstbotenlebens entschieden, aus der nur eine Ehe herausgeführt hätte. Deshalb kann sie jetzt auch nicht zurück.

STANDARD: Sie verkörpern Emily als moderne Frau unter Männern, die sich oft als weniger geeignet erweisen.

Hoss: Die sind so gewesen! Eine von ihnen hatte als Erste die Telefonleitung in die Stadt geholt. Sie waren ihrer Zeit voraus. Aber in den großen Büchern über den Klondike wie in dem von Pierre Berton kommt das nicht vor.

STANDARD: Emily verkörpert auch Moral - sie wahrt zivilisatorische Standards. Sehen Sie das auch so?

Hoss: Ich betrachte sie als jemanden, der nichts zu verlieren hat - daraus bezieht sie große Kraft. Sie wagt etwas, aber sie kann nicht offenen Auges zusehen, wenn jemand gemeuchelt wird. Das passt nicht in ihre Welt. Mir war aber wichtig, dass sie für diesen Betrüger kein nettes Sätzchen parat hat, sondern einfach sagt: "Halten Sie das Maul und gehen Sie jetzt." Sie ist kein Engel, der die Bösen rettet. Sie ist pragmatisch und fühlt sich verantwortlich. Sie will nicht, dass die Gruppe auseinanderfällt.

STANDARD: Apropos Gruppe: Thomas Arslan wird wie Christian Petzold, mit dem sie viel gearbeitet haben, zur sogenannten "Berliner Schule" gerechnet. Gibt es Gemeinsamkeiten im Arbeitsstil?

Hoss: Die sind schon sehr unterschiedlich. Ich finde jedoch diese Grundbasis sehr interessant: Dass man gesellschaftspolitisch relevante Themen anhand von Menschenschicksalen verarbeitet, ohne dass man belehrt wird. Es gibt verschiedene Arten, dies umzusetzen. Ich suche nach mehr Leichtigkeit - oder mehr Herz. Das sollte man riskieren.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Hoss: Vielleicht sollte ich sagen: keine Angst vor Emotionen. Ich fände super, wenn wir uns da mehr erlauben.

STANDARD: Um der Nüchternheit dieser Filme eine größere emotionale Tiefe zu geben?

Hoss: Ja, vielleicht. Ich habe diese Sehnsucht. Mich würde interessieren, was dann passiert. Ich glaube, es könnte etwas Großartiges sein. Ich fände den Blick darauf spannend - ich schätze auch die Nüchternheit, aber ich glaube, wir sind das nicht ausschließlich.

STANDARD: Bernd Eichinger hat Sie fürs Kino entdeckt. Wenn Sie heute Ihre Karriere überblicken, wie hat sich Ihr Selbstverständnis vor der Kamera verändert?

Hoss: Schwierig. Ich möchte das andere, den Mainstream, nicht missen. Die große Aufgabe bei Thomas Arslan und Christian Petzold lautet, die Spannung zu halten, obwohl da per se nichts ist. Du kannst nicht viel reden, keine großen Gesten machen. Du musst einen inneren Dialog führen, damit etwas passiert - ich muss wissen, was die Figur denkt. Wenn man dann einen Film macht, in dem man einfach loslegen, spielen kann, hilft das auch für diese Arbeit. Sonst würde ich leicht verkrampfen. Ich brauche diese Freiheit, auch die des Theaters.

STANDARD: Was macht Sie am Theater denn so frei?

Hoss: Ich kann so viel ausprobieren. Am Drehtag hat man nicht viel Zeit, man muss die Entscheidungen schnell treffen. Beim Theater kann ich acht Wochen proben, ohne dass da gleich jemand sitzt. Ich kann den größten Mist verzapfen und komme auf Umwegen doch zum Ergebnis. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 24.10.2013)

Nina Hoss (38) ist eine der gefragtesten deutschen Bühnen- und Filmschauspielerinnen. Für ihre Darstellung in "Yella" wurde sie 2007 auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

25. 10., Urania, 20.30; 26. 10., Gartenbau, 13.00

  • Eine praktisch veranlagte Frau unter Männern: Nina Hoss als pragmatische Abenteurerin in Thomas Arslans "Gold".
    foto: schramm film

    Eine praktisch veranlagte Frau unter Männern: Nina Hoss als pragmatische Abenteurerin in Thomas Arslans "Gold".

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