Gewissen verpflichtet

23. Oktober 2013, 16:18
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Es war für Lindner klar, dass Wolf einer der ihren war. Er musste es halt verstecken

Als sie ihre alte Wirkstätte verließ, strahlte Monika Lindner. Der ORF-Portier hatte ihr zwar nachgerufen, sie hätte "eine so dicke Haut, dass sie auch ohne Rückgrat aufrecht gehen" könne. Aber noch so schöne Komplimente eines Typen, der seinen Job wohl der ÖVP verdankte, prallten an ihr ebenso ab wie die Tatsache, dass Armin Wolf beim Gespräch ungläubige Fassungslosigkeit mimte.

Es war für Lindner klar, dass Wolf einer der ihren war. Er musste es halt verstecken. Dass er sie im Interview zarter angefasst hatte als seinerzeit Frank, war indes ein Sympathiehinweis. Sie war ja auch der bessere Stronach. Dessen Truppe hatte sie (wie auch Frank) bitterlich enttäuscht ("Vertrauensbruch!"). Während sich der Alte nun aber mit diesen Charakterverkäufern weiter herumschlagen musste, war sie frei. Nur ihrem Gewissen verpflichtet, würde sie im Parlament "reden", "in Ausschüssen zuhören" und "Verbündete suchen".

Und wenn sie die Heimat in der "ZiB 2" überzeugen konnte, dass sie ihre Mission zwar als Bürde empfand, aber entschlossen war, diese zu tragen - wie leicht würde sie im Hohen Haus Adoranten ihrer Integrität finden! Nur innerhalb von Wochen würde man sie zur wilden Parlamentspräsidentin küren. In Scharen würden Abgeordnete überlaufen und sie dann wohl bedrängen, die erste wilde Bundespräsidentin zu werden! Hatte sie es nicht, ohne einen Wahlkampffinger zu führen, ins Parlament geschafft?

Ein Schicksalswink, dass sie beim ORF-Verlassen einen potenziellen Wähler traf. "Ich hab' dir verziehen, ich teile ja deine Werte. Darf ich bei Wahlen mit deiner Stimme rechnen?", sprach Lindner. "Wenn du mich wählst, Frank, wählst du ja nur dein freieres Selbst." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 24.10.2013)

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