Google versteht Sie!

Blog24. Oktober 2013, 08:51
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Warum es spannend ist, Äpfel mit Birnen zu vergleichen

Das Informatikstudium besteht ja nicht nur aus Mathe. Auch rechtliche Implikationen werden behandelt. Warum also nicht einmal Äpfel mit Birnen vergleichen? Informatik und Recht heißt die eine Lehrveranstaltung, Rechtsinformatik die andere. Zweitere wird am Juridicum abgehalten. Mal sehen, was die Juristen sich darunter vorstellen.

Ich sitze im Wiener Juridicum auf einem gulaschfarbenen Fußboden mit Noppen gegen die Rutschgefahr, der fensterlose Hörsaal ist rappelvoll. Rund zehn andere Studentinnen und Studenten haben auch keinen Platz in den Sitzreihen gefunden. Wie sich schnell herausstellt, geht es in dieser Lehrveranstaltung nicht um Informatik, sondern um Recherchekompetenz für die angehenden Juristinnen. Das eigentliche Thema sind also Rechtsinformationssysteme.

"Google versteht Sie", sagt der Vortragende. Aber verstehen Sie Google?, möchte man hinzufügen. Die Studentinnen und Studenten scheinen nicht sehr gesprächig und antworten nur selten, wenn der Professor eine Frage stellt. Nur wenn er jemanden persönlich anspricht, kommt eine Reaktion.

Natürlich kann Google keine adäquate Suchmaschine für Juristen in Ausbildung sein. Neben Kodex und Lehrbuch spielen digitale Recherchequellen eine immer größere Rolle. Die Mikrofiche-Phase scheint auch im Europarecht vorüber. (Wer erinnert sich noch an diese kleinen, viereckigen, analogen Abbildungen und das mühsame Hantieren mit ihnen? Aber - vielleicht kommen Mikroplanfilme zur Datenspeicherung ja wieder einmal in Mode wie die Langspielplatten bei den DJs.)

In der Rechtssprache zu recherchieren ist jedenfalls eine eigene Wissenschaft. Später dürfen sogar verschiedene Anbieter in die Lehrveranstaltung kommen, um ihre Rechtsdatenbanken vorzustellen. Ob das in anderen Studienrichtungen auch üblich ist? Ist mir bisher an der Universität noch nie begegnet.

Die Digitalisierung und damit verbundene Automatisierung ist auf jeden Fall ein spannendes Thema, das auch Nichtjuristen betrifft. In hochqualifizierten Bereichen ist sie ja (noch) nicht möglich, in simpleren Fällen, wie zum Beispiel bei Verkehrsstrafen, schon Usus. Ein weites Feld für Programmierer also. Eine elektronische Signatur, dies als Momentaufnahme, hat laut eigener Aussage übrigens nur ein einziger der rund 60 anwesenden Jusstudenten in Verwendung. (Tanja Paar, 24.10.2013)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit mehr als zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Sie war soeben ein Jahr lang in Bildungskarenz und studiert seither Informatik an der Universität Wien.

  • Selten, aber nicht unmöglich: Informatiker am Juridicum.
    foto: derstandard.at/lichtl

    Selten, aber nicht unmöglich: Informatiker am Juridicum.

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