TV-Premiere für ein Schreckgespenst

Ansichtssache23. Oktober 2013, 16:50
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Wien - Am Anfang steht eine Klagsrede. Die Nonne hält der gekreuzigten Jesusstatue einen vorwurfsvollen Vortrag. Ein netter Bräutigam sei er, den sie "für leere Versprechungen" ein ganzes Leben lang mit sich herumschleppe. Der Herrgott sei für Volksverdummung da, schimpft sie. Und beißt in einen Apfel: "Der ist gut für die Verdauung!" Sprichts, dreht sich um, lüpft die Kutte – und lässt in Richtung des Gekreuzigten, dem eine ellenlange Zunge aus dem Mund hängt, einen fahren. Da kann er nicht anders, der Jesus, er muss herabsteigen.

foto: zdf/arte/jörg schmidt-reitwein/herbert achternbusch

Was Herbert Achternbuschs Jesus-Karikatur in der Folge auf seinem Weg durch die bayerische Provinz anstellt, war 1982 ein Riesenskandal: Das Gespenst sei eine "Herabwürdigung religiöser Lehren", Kopien des Films wurden beschlagnahmt und eingezogen. Der Film blieb tabu, denn erst 30 Jahre später, am Donnerstag, zeigt Arte Herbert Achternbuschs Meisterwerk des Absurden – zum ersten Mal im Fernsehen, spätnachts um 1.05 Uhr.

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foto: zdf/arte/jörg schmidt-reitwein/herbert achternbusch

In Deutschland wurde das Verbot aufgehoben. In Österreich wirft die Ausstrahlung von Arte die Frage auf, ob diese rechtliche Konsequenzen nach sich zieht. 1984 beschäftigte sich das Straflandesgericht Graz mit dem Film: Die Richter sahen in der Darstellung von Jesus als "betrunken und torkelnd" und als jemand, der "für Polizisten durch München geht und um Scheiße bettelt", religiöse Lehren herbabgewürdigt.

Die Kopien wurden beschlagnahmt und eingezogen. Noch immer wären theoretisch  österreichische Behörden zuständig, eine strafrechtliche Verfolgung sei schwer durchführbar, sagen Medienrechtsexperten. Zudem könnten nur "körperliche Medien", wie etwa Filmkopien, nicht aber Rundfunksendungen eingezogen werden.  Zu bezweifeln ist zudem, ob das Verbot nicht anlassbezogen zu interpretieren ist. Zudem seien Gerichte heute  weitaus liberaler als noch 1984.

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foto: zdf/arte/jörg schmidt-reitwein/herbert achternbusch

PS: Zu Achternbusch und ORF gibt es übrigens eine hübsche Anekdote: Für Picasso in München sollte der Regisseur 1997 500.000 Schilling  (36.330 Euro) erhalten. Der ORF überwies angeblich 500.000 Mark (255.645 Euro). Der Irrtum blieb unentdeckt. (Doris Priesching, DER STANDARD, 24.10.2013)

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