"Der will uns nackt sehen"

23. Oktober 2013, 13:00
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Über Gewalt und sexuelle Übergriffe sollen Kinder bereits ab sechs Jahren Bescheid wissen, sagen die Expertinnen des Vereins Samara. Sie führen derzeit an Wiener Volksschulen ein Projekt zu transkultureller Gewaltprävention und Gesundheitsförderung durch

Das Telefon klingelt. Ein Kind hebt ab. "Bist du alleine zu Hause?" "Ja." "Kannst du dich ausziehen?" Ein Rollenspiel in der Volksschule Pantzergasse im 19. Bezirk in Wien. Heute ist wieder ein Workshop-Tag mit dem Verein Samara. "Wir spielen Alltagssituationen durch, in denen Kinder mit Gewalt konfrontiert werden", sagt Vereinsgründerin Raina Ruschmann. Zu den Kindern meint sie: "Wenn man in Gefahr ist, darf man notlügen. Auch wenn ihr alleine zu Hause seid, sagt ihr besser: Meine Mama sitzt neben mir."

Der Verein Samara zur Prävention von (sexualisierter) Gewalt befindet sich gerade in der Halbzeit des Pilotprojektes "Transkulturelle Gewaltprävention und Gesundheitsförderung". Dabei finden an sechs Projektvolksschulen insgesamt 216 Workshops, 36 Elternabende und 36 Lehrerfortbildungen statt. Die flächendeckende Arbeit des Vereins ist europaweit einzigartig. 

"Eines der Ziele ist es, dass die Kinder lernen, auf ihre Grenzen zu achten", so die Klinische und Gesundheitspsychologin Raina Ruschmann. Rollenspiele, bei denen es um diese "blöden" und "komischen" Situationen gehe, seien dabei besonders wichtig. "Die Kinder erzählen immer wieder von Grenzverletzungen wie Beschimpfungen, Bedrohungen oder sexuellen Übergriffen."

"Ich bin wertvoll"

"Gewalt muss in der Schule thematisiert werden", sagt auch die Direktorin der Volksschule Pantzergasse, Edith Stary. Präventionsarbeit bedeutet dabei vor allem, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Sogenannte Affirmationskarten sollen dabei helfen. "Ich bin wertvoll" steht auf einer dieser Karten. Schüler Luka schüttelt den Kopf. Er versteht das Wort nicht. "Das ist ein Erwachsenenwort, es heißt, dass man gut ist", sagt Workshop-Leiterin Ruschmann. "Wie geht es dir heute?" Luka soll mithilfe eines Stimmungsbarometers seine Gefühle ausdrücken. Er zeigt auf das traurige Gesicht. "Weil mich meine Mutter heute später als sonst abholt", sagt er.

Die Kinder würden dank des Projektes besser über ihre Gefühle sprechen können. "Sie haben sogar begonnen, von ihren Lehrerinnen einzufordern, öfter über ihre Gefühle zu sprechen. Weil damit Konflikte rechtzeitig proaktiv besprochen werden können", weiß Psychologin Ruschmann.

 Sexuelle Gewalt als Tabu

Mit Kindern offen über sexuellen Missbrauch sprechen zu können sei aber verständlicherweise noch immer eine Herausforderung für Mütter und Väter, meint Ruschmann. Trotzdem sei es heute wesentlich leichter als früher. "Wenn wir vor 20 Jahren an Schulen kamen, haben viele gemeint, das gäbe es gar nicht. Das gesellschaftliche Klima hat sich in dieser Hinsicht komplett verändert."

Kinder ab sechs Jahren sollten wissen, dass es so etwas wie sexuelle Übergriffe gibt, ist die Expertin überzeugt. "Am besten knüpft man an ihre Sprache an und bezeichnet es als blöde oder komische Situationen", rät sie den Eltern. "Wir fragen immer ganz direkt: Was will der Belästiger oder die Belästigerin von euch? Es gibt immer zumindest ein Kind, das sagt: Der will uns nackt sehen, der will uns ein komisches Bussi geben." Wichtig sei aber, solche Situationen von "schöner Sexualität" zu trennen.

"Schulen sind mit Vielfalt konfrontiert"

Vor einigen Jahren führte der Verein ein Projekt in Bosnien und Herzegowina durch. "Wir wurden dort auf die kulturellen Unterschiede aufmerksam, was das Sprechen über Sexualität angeht. Von einer Lehrerin wurden wir etwa gebeten, die Geschlechtsteile nicht zu benennen, sondern es diffus 'Bauchgegend' zu nennen", erinnert sich die zweite Projektleiterin Amina Barakat. Ihre Kollegin Ruschmann sagt: "Doch um transkulturell zu arbeiten, müssen wir gar nicht weit gehen. Wien ist eine Stadt voller Vielfalt."

Die Projektklasse der VS Pantzergasse habe "100 Prozent Migrationshintergrund", so die Vereinsobfrau. Serbien, Vietnam, Ägypten, Mazedonien, Tunesien, Nigeria, Bangladesch sind nur einige der Herkunftsländer der Kinder. "Die Realität an Wiener Schulen sieht mittlerweile so aus, dass Mutter und Vater aus verschiedenen Ländern kommen. Das ist ein Grund, warum der Fokus auf Transkulturalität so wichtig ist. Institutionen wie Schulen müssen sich darauf einstellen, dass sie mit Vielfalt konfrontiert sind - und zwar mit mehr Vielfalt, als sie denken."

Dabei komme es aber auch immer auf die Schule und die LehrerInnen an. "Manche sagen: Für mich sind Kinder einfach Kinder. Andere sagen: Wir wollen keine Migrantenschule werden. Zu viele würden dem Ruf schaden." Das sei sehr schade, meint Amina Barakat. "Wenn man sich als Teil der Gesellschaft repräsentiert fühlt, ist man selbstbewusster und kann Grenzverletzungen besser einschätzen." In den Workshops arbeitet der Verein daher auch mit transkulturellen Puppen, die verschiedene Kulturen der Kinder repräsentieren.

"Mein Papa hat so wenig Zeit für mich"

Mit der Zeit entwickeln die Kinder außerdem ein besseres Gespür für Diskriminierung. "Da spielt bei Kindern interessanterweise weniger der kulturelle Hintergrund eine Rolle, sondern Armut. Sie glauben, dass Menschen, die arm sind, am meisten diskriminiert werden."

Beim Durchspielen der Bedrohungsszenarien in den Workshops werden auch aktuelle Anlässe miteinbezogen. So wurde ein echter Fall, der sich vor der Schule ereignete, auch nachgespielt. Ein Bub sei beim Rollenspiel dennoch mitgegangen, so Ruschmann. "Die Täterstrategie war der Satz: Ich mache eine Schneeballschlacht mit dir." Warum der Bub mitgegangen ist, erzählte er später: "Mein Papa hat so wenig Zeit für mich. Nie spielt jemand richtig mit mir." (Jelena Gučanin, 23.10.2013, daStandard.at) 

  • Präventionsarbeit bedeutet vor allem, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Sogenannte Affirmationskarten sollen dabei helfen.
    foto: jelena gučanin

    Präventionsarbeit bedeutet vor allem, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Sogenannte Affirmationskarten sollen dabei helfen.

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