Ein Marktplatz für alle

23. Oktober 2013, 10:24
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Im Sonnwendviertel hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof errichtet das ÖSW ein Wohnhaus mit Tauschbörse-Piazza, dafür aber ohne Gänge in den Geschoßen

In einer Box liegen ein Paar Sneakers, die dem Beschenkten zu klein waren, in einer anderen ein paar ausgelesene Bücher, wiederum woanders ist hinter einer kleinen Plexiglastür ein niemals verwendeter Schnellkochtopf zu bewundern. So oder so ähnlich könnte das neue Foyer in dem von Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) geplanten Wohnhaus "Platform L" bald aussehen. Denn das Erdgeschoß soll den Mietern nicht nur als Kommunikations- und Begegnungszone samt Sofa, Bücherregal und Wuzler dienen, sondern auch als sogenannter Marktplatz.

"Die Platform L war das erste Projekt, das unter dem Motto der sozialen Nachhaltigkeit entstanden ist, nachdem das Thema in der Stadt Wien als vierte Säule des kommunalen Wohnbaus verankert wurde", erklärt Dietmar Feistel, Partnerarchitekt bei DMAA. "Aus diesem Grund wollten wir diesem Aspekt besonders viel Raum geben." 225 Quadratmeter sind es, um genau zu sein. Entwickelt wurde das Marktplatzkonzept mit den 55 versperrbaren Plexiglasboxen - wie übrigens auch die Gemeinschaftsterrasse mit Sonnendeck und Duschen - in Zusammenarbeit mit den Soziologen Havel & Havel. Anfang 2014 sollen die 92 Wohnungen hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof übergeben werden.

Doch der Marktplatz ist nicht die einzige Besonderheit dieses L-förmigen Hauses, das sich aufgrund seiner charakteristischen Fassade schon von weitem als typisches DMAA-Projekt zu erkennen gibt. "Man kann nicht immer nur besser und hochwertiger und sozial nachhaltiger bauen, und das zu den gleichen Kosten wie noch vor einigen Jahren, als die Anforderungskriterien im geförderten Wohnbau noch nicht so streng waren" , sagt Feistel. "Irgendwo muss man auch Nischen finden, wo man Baukosten einsparen kann."

Mit dem Lift in die Wohnung

Im Falle der Platform L - der Name nimmt Bezug auf die ehemaligen Süd- und Ostbahngleise, die an dieser Stelle einst verliefen - ist das Einsparungspotenzial in den oberen Geschoßen auszumachen: Auf Gangflächen wurde komplett verzichtet, stattdessen erschließt man die beiden Wohnungen pro Stiegenhaus und Geschoß direkt vom Aufzug aus. Eine spezielle Sicherheitstechnik mit Klingeltableau und persönlicher Anmeldung soll verhindern, dass plötzlich ungebetene Liftfahrer in der Wohnung stehen.

"Ich muss gestehen, dass wir an dieser Lösung lange gezweifelt haben und uns nicht sicher waren, ob wir uns das trauen sollen oder nicht", sagt Michael Pech, Vorstand des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW). "Letztendlich haben wir jedoch eingesehen: Wir müssen es ausprobieren. Nur so wissen wir, ob sich das System bewährt oder nicht." Den angemeldeten Mietern jedenfalls gefällt's. Die besondere Erschließung der Wohnung, die man sonst nur aus hochpreisigen freifinanzierten Penthouse-Wohnungen kennt, habe ihnen ein sehnsüchtiges Zukunftslächeln auf die Lippen gezaubert.

Auch die zu erwartenden Betriebskosten könnten das freudige Mundwinkelerlebnis der Mieter wiederholen, denn das gesamte Haus ist als sogenanntes Niedrigenergiehaus plus ausgeführt. Das heißt: Die Gebäudehülle ist energetisch optimiert, die Wohnräume werden kontrolliert belüftet, und bei den L-förmig angeordneten Fenstern in den Schlafzimmern handelt es sich um Aluminiumfenster mit Dreifachverglasung. Das dürfte das Portemonnaie langfristig schonen. Thermografiemessungen und ein Ökopass des Österreichischen Instituts für Baubiologie und Bauökologie (IBO) bestätigen die Zahlen.

Die Wohnungen selbst haben zwischen 50 und 142 Quadratmeter und verfügen allesamt über einen Freiraum in Form einer Loggia. Ein Teil der Wohnungen wurde so ausgeführt, dass der Grundriss zwischen Einraumloft mit mittigem Sanitärkern und Vierzimmerwohnung flexibel zu gestalten ist, wobei sich die meisten Mieter nach Auskunft des ÖSW trotz des Angebots für eine klassische Drei-Zimmer-Wohnung entschieden hätten.

Finanzielle Besonderheit: Grundstückseigentümerin ist die Erste ÖSW Wohnbauträger GmbH, eine eigens gegründete Gesellschaft, die jeweils zur Hälfte dem ÖSW und der Erste Bank gehört. Das ÖSW selbst errichtete das Wohnhaus im Baurecht. Dadurch war es möglich, den Eigenmittelanteil, der sich für gewöhnlich aus den Grundkosten speist, auf die Baurechtnebenkosten zu reduzieren. Im Klartext: 222 Euro pro Quadratmeter statt der sonst üblichen 400 bis 500 Euro. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 23.10.2013)

  • Die "Platform L" im Sonnwendviertel: Der Name nimmt Bezug auf die ehemaligen Bahngleise. 
    foto: dmaa

    Die "Platform L" im Sonnwendviertel: Der Name nimmt Bezug auf die ehemaligen Bahngleise. 

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