Holocaust: Über das Unaussprechliche sprechen

23. Oktober 2013, 13:29
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Das Projekt "Relais de la mémoire" bringt Jugendliche aus Europa mit Holocaust-Überlebenden zusammen

Wien - Es herrscht eine seltsame Kombination aus Anspannung, Beklemmung und Humor in dem Raum, in dem etwa zwanzig Jugendliche mit dem Holocaust-Überlebenden Alfred Grasel diskutieren sollen. Für den Spaß sorgt ausgerechnet er. Gespannt hängen die Jugendlichen an Grasels Lippen, der mit einer unglaublichen Leichtigkeit über die damaligen Gräuel erzählt.

Alfred Grasel ist einer der Zeitzeugen des Projekts "Relais de la mémoire", was man auf Deutsch mit "Weitergabe der Erinnerung" übersetzen könnte. Jugendliche aus Österreich, Polen, Frankreich, Deutschland und England treffen einander dabei alle sechs Monate in einem anderen Land, stellen ihre Projektarbeiten vor, reden mit Zeitzeugen und besichtigen Mahn- und Denkmale. Vom 17. bis zum 20. Oktober waren Schüler zu Gast in der Hertha-Firnberg-Schule in Wien.

Nach einer kurzen Begrüßung beginnt Grasel mit seinen Erinnerungen an eine schwere Kindheit: 1926 in Wien geboren, wurde er zwei Wochen später von seiner obdachlosen Mutter in ein Heim gebracht. Nach mehreren Verlegungen in andere Heime landete er schlussendlich am Spiegelgrund - in dem Heim, welches heute für grausame Versuche an "schwererziehbaren" Kindern bekannt ist. Auch Grasel bekam mehrere Spritzen injiziert - er überlebte, während etliche andere Kinder daran starben. "800 Kinder wurden in den paar Jahren am Spiegelgrund ermordet", sagt Grasel. Fragen kommen den Zuhörern zunächst nur schwer über die Lippen, dennoch erkundigt sich jemand nach der Atmosphäre am Spiegelgrund. Grasl antwortet: "Ich müsste lügen. Ich weiß es nicht so genau, da ich den ganzen Tag mit dem Ausführen von Essen beschäftigt war. Ich weiß aber, dass ich oft alleine war." Zwei Tage später versammelten sich die Schüler und Lehrer an genau jenem Ort, um der Opfer zu gedenken. Nach zwei Fluchtversuchen wurde Alfred Grasel letztendlich in das Konzentrationslager Mohringen deportiert, wo er schwer verletzt überlebte. Ganz so leicht, wie es sich zunächst anhört, fällt es ihm doch nicht, über das Erlebte zu sprechen - erst vor 20 Jahren hat er sich dazu durchgerungen, die Erinnerungen an jene Zeit zu teilen.

Auf die Frage einer Schülerin, ob es ihn freue, dass noch so viel Interesse bei den Jugendlichen für diese Zeit und die Geschehnisse vorhanden ist, meint er: "Natürlich, sonst wäre ich kein Zeitzeuge. Es kostet mich Freizeit, ich muss es zwar nicht machen, aber es bereitet mir Freude", sagt Grasel. Eine Lehrerin stellt schließlich die Frage, die wahrscheinlich vielen auf der Zunge brennt, wenn man Alfred Grasel kennenlernt und ihm zuhört - nämlich wie man es schafft, nach der Gefangenschaft im Konzentrationslager noch so voller Humor und Liebe zu sein. Grasel: "Ich glaube, ich bin einfach von Natur aus humorvoll veranlagt." Obwohl er zweimal an bösartigen Krebsgeschwüren erkrankt war, hat ihn die Lebensfreude nie verlassen.

Auch die gespannt zuhörenden Schüler sind von der Idee der Zeitzeugengespräche fest überzeugt. Viele haben zu junge Großeltern, um mit ihnen darüber zu sprechen - andere sind schon verstorben.

Die meisten wollen vor allem wissen, wie Grasel sich damals gefühlt hat. "Meistens", antwortet Alfred Grasel darauf, "habe ich gar nichts gefühlt."

Laura Liebl, Schülerin der Hertha-Firnberg-Schule, findet es vor allem gut, dass durch dieses Projekt verschiedene Nationalitäten zusammenkommen. Sie selbst beherbergt eine Schülerin aus Frankreich bei sich zu Hause. "Die Vergangenheit darf man nicht ignorieren, da es in diesem Bereich immer noch viele Probleme gibt. Es ist gut, dass sich trotz des langen Zeitabstands noch so viele Jugendliche für dieses Thema interessieren." Mitschüler Fabio Gschweidl hat vor allem der Einblick in die Lebensweise der Jugendlichen von damals bewegt. "Es ist schlimm, wie viele Möglichkeiten wir heute haben und sie gar nicht als solche wahrnehmen oder wertschätzen."

Als sich das Gespräch langsam dem Ende zuneigt, sagt Grasel noch, dass man am besten die Finger von Drogen lassen sollte und dass Liebe und Partnerschaft das Wichtigste im Leben seien - der Schlüssel zum Glück. "Immer froh und optimistisch sein, egal was passiert", rät er den Zuhörern zum Schluss.

Von der anfänglichen Beklommenheit im Publikum ist nach dem Gespräch nichts mehr zu spüren. Berührt und gelöst verlassen alle den Raum. (Nadine Dimmel, Sarah Lehner, DER STANDARD, 23.10.2013)

  • Alfred Grasel stellte sich den Fragen von Schülern.
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    foto: standard/frankhauser

    Alfred Grasel stellte sich den Fragen von Schülern.

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