Jung, grün, sucht sonniges Fenster

Kolumne29. Oktober 2013, 16:52
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Wenn die Bestäubung nicht fruchtet, ist der Gärtner gefrustet - Gregor Fauma empfiehlt Adoption anstelle von eigenem Nachwuchs

Nach einigen Jahren des Ausprobierens von gekaufter Ware ziehen es die meisten Gärtner und Gartlerinnen vor, ihre Pflanzen selbst zu zeugen und aufzuziehen. Hochkonzentriert vollführen sie, oft mittels Pinsel, den Akt der Bestäubung, hoffen tagelang auf eine erfolgreiche Befruchtung und sind über Wochen deprimiert, wenn die Befruchtung nicht geklappt hat oder die Einnistung nicht erfolgt ist.

Schwillt jedoch nach einiger Zeit das Gewebe um den Embryo an - so nennt man auch in der Botanik den jungen Spross, der noch von der Mutter ernährt wird -, ist Zeit zu jubeln. Nach rund zwölf Wochen darf man endlich auch den Verwandten und Freunden davon erzählen.

Der schönste Keimling

Behutsam brüten Gartler und Gärtnerin ihren Embryo in handwarmer Erde aus, machen Fotos von den ersten Anzeichen sich streckender Blätter und erklären jedem Vorbeikommenden, dass sein Keimling der schönste sei. Die Kindheit erlebt die Pflanze zu Hause, die Adoleszenz öfters einmal im Freien, erst ab der Reife darf sie für immer hinaus und sich ganz nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln. So läuft das in der Regel ab.

Läuft es einmal nicht so und Bestäubung oder Befruchtung bleibt aus, sollten Gartler und Gärtnerin weder verzweifeln, noch die Situation künstlich schönreden. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, an liebenswerte Pflanzen heranzukommen. Etwa die Adoption von gerade erst gekeimten Jungpflanzen, aber auch von bereits robusteren Individuen. So viele Jungpflanzen, meist gerade erst der Embryonalphase entschlüpft, warten auf einen schönen Wintergartenplatz oder hoffen auf ein sonniges Westfenster.

Nach einer kurzen Phase des Beschnupperns nimmt man die Kleinen wie seine Eigenen auf. Mit einer Pipette werden abgemessene Tropfen lauwarmen Regenwassers verabreicht, erste Schädlinge empört vertrieben, und des Nachts hat man immer ein Ohr halb offen, ob nicht etwa ein Rüsselkäfer es wagt, den Jungpflanz anzuknabbern.

Abenteuer Morgenfrost

O Wenn die erste, heikle Phase überwunden ist, vergeht die Zeit im Nu. Man hat bereits eine prächtige, gesunde Jungpflanze auf dem Fensterbrett stehen, die eigentlich nur noch hinaus will und ein wenig das Abenteuer sucht: Blattläuse, Überdüngung, Morgenfrost.

Gartenpapa und Gärtlerinmama statten den Nachwuchs jetzt nur noch mit all dem aus, was er für die spätere Selbstständigkeit braucht: einen gut verholzten Stamm, sattes Blattgrün und ausreichend Gerbstoffe gegen Pilze und andere Parasiten.

Wie groß ist erst der Jubel, wenn sich der grüne Adoptivling später selbst fortpflanzt, seine Ableger, Ausläufer, Früchte und Samen im Garten verteilt. Und mit der notwendigen Altersmilde tolerieren Gartler und Gärtnerin sogar alle möglichen Auswüchse.

Wenn die Bestäubung nicht fruchtet, ist der Gärtner gefrustet. Gregor Fauma empfiehlt Adoption anstelle von eigenem Nachwuchs. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 25.10.2013)

  • So viele Jungpflanzen, meist gerade erst der Embryonalphase entschlüpft, warten auf einen schönen Wintergartenplatz oder hoffen auf ein sonniges Westfenster.
    foto: derstandard.at/ped

    So viele Jungpflanzen, meist gerade erst der Embryonalphase entschlüpft, warten auf einen schönen Wintergartenplatz oder hoffen auf ein sonniges Westfenster.

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    foto: robert haidinger
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