Müllsack vor die Türe stellen

24. Oktober 2013, 17:09
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Stolpern über das Sackerl auf der Matte oder die Müllsackparanoia pflegen?

Pro

Von Olivera Stajić

Wir spielten das Spiel ein halbes Jahr. Ich stellte den Sack ins Eck neben der Tür. Am Morgen fand ich ihn auf der Fußmatte wieder. Besser gesagt, ich stolperte darüber.

Ich tippte auf die spießige Bobo-Familie von gegenüber, überlegte mir eine schlagfertige Antwort, falls man mich demnächst auf dem Gang belehren sollte. An einem Freitagmorgen wurde dann alles aufgeklärt. Sie kehrte gerade das Stiegenhaus. Man solle den Nachbarn keinen Grund für schlechte Nachrede geben, sagte sie, denn "wir" hätten es hier ohnehin schwer. Sie hat meinen Namen auf dem Postkastl gelesen, ob es in Ordnung wäre, wenn wir uns in "unserer Sprache" unterhalten? - "Naravno". Natürlich. Ich rechtfertigte mich und sprach von Vergesslichkeit, morgendlichem Stress und dass ich, ungerne nachts allein runtergehe.

Jetzt hab ich eine Freundin, die sich nach Befinden und Arbeit erkundigt. Mein Sackerl stell ich weiterhin raus. Punktgenau auf die Fußmatte. Manchmal nimmt Frau Lukic es mit. Und ich bin dann aufrecht gerührt.

Kontra

Von Michael Simoner

Ein Mistsackerl ist nicht nur ein Müllsack. Ein prallgefülltes Mistsackerl ist ein gefundenes Fressen für Stierler, die ihre Nase in fremde Angelegenheiten stecken. So ein Dreck kann vor allem in Wien, wo das Prinzip der Mülltrennung häufig nicht über Papier und Nichtpapier hinausgeht, viel über die Verursacher erzählen.

Etwa: Ernährt sich von Fertiggerichten, ist ein Fan von Enerydrinks, lässt auch öfter mal die Korken knallen, hat Heuschnupfen und bevorzugt Kondome mit Noppen. Nutzlose Informationen glauben Sie? In der virtuellen Welt bezahlt die Werbewirtschaft dafür Millionen, um dann mit maßgeschneiderter Reklame zu nerven. Wer weiß schon, ob nicht auch in der analogen Welt Datendrecksammler unterwegs sind. Oder gar die NSA: Keine Reste von American Pie im Mist? Sehr verdächtig. Und patsch, schon bist du auf der Liste.

Und selbst wenn die Paranoiawelle wieder abgeflaut ist, gibt es einen guten Grund, den Müll gleich in der Tonne zu versenken: Er ist grauslich. (Rondo, DER STANDARD, 25.10.2013)

  • Darf das Müllsackerl vor der eigenen Türe stehen oder gehört es gleich in den Müll.
    foto: lukas friesenbichler

    Darf das Müllsackerl vor der eigenen Türe stehen oder gehört es gleich in den Müll.

  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: robert haidinger
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