"Exit Marrakech": Reisen in festgefahrenen Bahnen

22. Oktober 2013, 17:37
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Ein einander entfremdetes Vater-Sohn-Gespann aus Deutschland bekommt in Marokko die Chance einer Annäherung - Caroline Links "Exit Marrakech" entwirft diese Geschichte leider allzu formelhaft

Wien - Die großen Ferien stehen vor der Tür, im Internat herrscht Aufbruchstimmung unter den Eliteschülern. Nur der knapp 17-jährige Ben (Samuel Schneider) muss noch einmal zurück zum Schulleiter. Bens Noten sind gut, Zahnspange und Frisur sitzen perfekt. Sein Betragen könnte zwar besser sein, doch was den Rektor (Josef Bierbichler) beschäftigt, sind Bens Privatangelegenheiten. "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich", gibt er seinem Schüler Worte von Tolstoi mit auf den Weg nach Marrakesch.

Lange nicht gesehen

Dort wartet bereits Bens Vater Heinrich (Ulrich Tukur) auf seinen Sohn, den er seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Ben ist ein Scheidungskind, und er sieht der Begegnung mit gemischten Gefühlen entgegen. Juveniles Abenteurertum mischt sich mit sozialer Anstrengung. Heinrich ist erfolgreicher Theaterregisseur, er will sich in Ben wiedererkennen, stolz sein auf ihn und nicht weniger stolz dem Sohn seine neue Familie präsentieren.

Die Ankunft Bens in Afrika bietet in Exit Marrakech von Beginn an ausreichend Anlass, das Gegensätzliche als bestimmendes Motiv zu etablieren: hier der europäische Zögling, der arabischen Straßenkindern seine Designerjacke schenkt und sich in der Nebenstraße einen Joint dreht; dort der blasierte Künstlervater, der Emilia Galotti nach Marokko bringt und Tagesfreizeit am Pool absitzt, weil er meint, in der Fremde nichts Neues entdecken zu können.

Nach diesem formelhaften Szenario mit klarer Rollenverteilung entwickelt Drehbuchautorin und Regisseurin Caroline Link Exit Marrakech, und wenngleich dieser Film einen Ausweg im Titel führt, so verläuft hier doch alles in festgefahrenen Bahnen. Nach einem Techtelmechtel taucht Ben im Hinterland unter, und Heinrich ist gezwungen, bei der Suche nach dem verlorenen Sohn seine Ignoranz mit jedem Kilometer ein Stück weiter hinter sich zu lassen.

Exit Marrakech beinhaltet wie bereits Links oscarprämierter Film Nirgendwo in Afrika (2001) wohldosierte Kritik an Kolonialismus und Kulturtourismus sowie an sozialen und familiären Repressionen. Das ist so durchsichtig vorgebracht wie der Appell an Vater und Sohn, für die buchstäbliche Erweiterung des Horizonts das Trennende hintanzustellen.

Überdeutlich weist Link auf die Faszination des vermeintlich Authentischen hin, indem sie ihre Protagonisten der jeweiligen Gefangenschaft in einem Internat und einem Luxushotel entreißt. Die Fantasie sei spannender als die Realität, meint der Paul Bowles lesende Vater, während der Sohn über den realen Schauplatz von Bertoluccis Bowles-Verfilmung Himmel über der Wüste stolpert. Doch obwohl Exit Marrakech für die Entdeckung des wahren Lebens stets die Notwendigkeit des Reisens beschwört, wird das wahre Leben selbst allenfalls in Stehsätzen behauptet. (Michael Pekler, DER STANDARD, 23.10.2013)

Ab Freitag im Kino

  • Vater sucht Sohn: Theaterregisseur Heinrich (Ulrich Tukur) muss in Caroline Links Familiendrama "Exit Marrakech" deshalb gezwungenerweise seinen Horizont erweitern.
    foto: studio canal

    Vater sucht Sohn: Theaterregisseur Heinrich (Ulrich Tukur) muss in Caroline Links Familiendrama "Exit Marrakech" deshalb gezwungenerweise seinen Horizont erweitern.

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