NSA wird laut Enthüllungsjournalist Scahill immer noch unterschätzt

22. Oktober 2013, 14:41
17 Postings

"Die NSA ist nicht ein Haufen Computernerds, die in Fort Meade herumsitzen und Telefonate abhören"

Die Macht des Geheimdiensts NSA wird auch nach der Flut der Snowden-Enthüllungen noch unterschätzt, warnt der amerikanische Militärreporter Jeremy Scahill. Scahill berichtet seit Jahren über die Kehrseite der US-Sicherheitspolitik. "Die NSA ist nicht ein Haufen Computernerds, die in Fort Meade herumsitzen und Telefonate abhören", sagt er der dpa. "Die NSA ist ein massives Biest von einer Organisation, die eine von Grund auf militärische Mission hat." Es gebe keine klare Grenze zwischen Geheimdienst und Militär. Wer glaube, bei der NSA arbeiteten nur "Geeks mit Kopfhören", verstehe den amerikanischen Sicherheitsapparat nicht.

Drohnen-Attacken

Zudem berichtete die "Washington Post", dass die NSA dem Schwesterdienst CIA wichtige Informationen für deren tödliche Drohnen-Attacken liefere. Die Überwachungsdaten der NSA helfen demnach, die Ziele für die tödlichen Drohnenanschläge zu orten. "Ich weiß darüber sehr viel mehr als in der "Washington Post" stand", sagt Scahill. Das sei nur die Spitze des Eisbergs: "Die NSA spielt eine absolut zentrale Rolle in einem weltweiten Programm von Tötungsmissionen der USA."

Scahill kennt sich aus mit verdeckten Missionen in Amerikas Kampf gegen den Terrorismus. Der 39-Jährige berichtete aus dem Irak und dem Jemen, er deckte Machenschaften der Söldnerfirma Blackwater auf und beschrieb Einsätze von amerikanischen Anti-Terror-Einheiten. Sein zweites Buch, "Schmutzige Kriege", ist diesen Monat auf Deutsch erschienen. Darin beschreibt Scahill, wie die USA ihren Anti-Terror-Krieg mit Spezialkräften und gezielten Tötungsmissionen auf der ganzen Welt führen. Sein erstes Buch "Blackwater" war in den USA ein Bestseller.

Nun arbeitet Scahill mit Glenn Greenwald zusammen, dem Journalisten, dem Edward Snowden seinen Vorrat an Geheimunterlagen übergeben hat. Scahill ist ein Mitstreiter in Greenwalds neuer Medienorganisation, die von Ebay-Gründer und Milliardär Pierre Omidyar finanziert wird. "Natürlich werden die Snowden-Dokumente dabei eine riesige Rolle spielen", sagt Scahill. Sie enthielten hunderte Geschichten, die noch recherchiert werden müssten.

"Inakzeptabel unter Freunden und Alliierten"

Die Enthüllungen sorgen bereits für diplomatischen Druck auf die USA. So bestellte Frankreich am Montag den amerikanischen Botschafter ein, in einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama bezeichnete Staatschef Francois Hollande solche Praktiken als "inakzeptabel unter Freunden und Alliierten".

Seit er Greenwald bei der Auswertung der Snowden-Dokumente unterstützt, musste er auch lernen, seine digitale Kommunikation gegen Ausspähversuche zu schützen. "Das ist wie Schattenboxen", sagt er. "Es ist unsere Aufgabe, es schwerer zu machen, uns auszuspionieren."

Dass Omidyar das neue Medium finanziert, ist Scahill zufolge fast ein Zufall. Greenwald, Scahill und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die ebenfalls eine zentrale Rolle bei den NSA-Berichten spielt, hätten seit einiger Zeit über ein gemeinsames Projekt nachgedacht. "Wir waren alle frustriert mit dem Tempo der Veröffentlichungen", sagt Scahill. Konventionelle Redaktionen seien oft bürokratisch. Die drei wollten den Schwerpunkt auf investigativen Journalismus legen.

"Wir wollen wichtige investigative Geschichten besser einer breiten Öffentlichkeit erzählen"

Omidyar sei mit einem ähnlichen Vorschlag auf Greenwald zugekommen. So sei die Idee enstanden, gemeinsame Sache zu machen. "Wir wollen wichtige investigative Geschichten besser einer breiten Öffentlichkeit erzählen", sagte Omidyar der "New York Times". Er will zunächst 250 Millionen Dollar in das Projekt stecken. Zuvor hätten die drei Journalisten noch überlegt, über die Internet-Plattform Kickstarter Geld einzusammeln, erzählt Scahill.

Er verspricht weitere Enthüllungen: "Ich weiß von mehreren Geschichten, an denen wir arbeiten, die Menschen in den USA und auf der Welt unglaublich interessieren werden", sagt er. Eine Ermüdung angesichts der monatelangen Berichte über immer neue Überwachungsprogramme fürchtet er nicht. "Davon kannst du dich nicht einengen lassen. Du musst die Menschen dazu bringen, sich Gedanken zu machen."

Glaubt er, dass die Programme zur Internetüberwachung begrenzt werden, jetzt wo sie bekannt sie? Scahill bezweifelt das. "Wenn in den USA ein Gesetz erstmal im Buche steht, ist es sehr schwer, es wieder abzuschaffen." (APA, 22.10. 2013)

Link

Wikipedia über NSA

  • Artikelbild
    foto: dpa
Share if you care.