Studie: Mehr Einnahmen durch Sucht als Kosten

22. Oktober 2013, 13:41
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Einnahmen höher als volkswirtschaftlicher Schaden - Staat hält 1,5 Milliarden Euro für Suchtforschung zurück

Die Sucht nach Alkohol, Nikotin und harten Drogen verursacht in Österreich pro Jahr einen volkswirtschaftlichen Schaden von 777 Millionen Euro. Die staatlichen Einnahmen aus dem Verkauf von Alkohol und Zigaretten sowie den Abgaben auf Glücksspiel sollen die Kosten aber bei weitem übersteigen. Sie belaufen sich laut einer aktuellen Studie auf 2,2 Milliarden Euro. Der Staat weigere sich aber, die Differenz bereitzustellen, sagte Andreas Kreutzer, Geschäftsführer der Kreutzer Fischer & Partner Consulting GmbH. Er präsentierte am Dienstag die Studie "Soziale Folgen von Lust & Sucht in Österreich". Aus seiner Sicht wären damit finanzielle Mittel in Höhe von 1,5 Milliarden Euro vorhanden, die für bessere Forschung, effektivere Prävention und Therapien eingesetzt werden könnten.

777 Millionen Euro volkswirtschaftliche Kosten

Die genaue Summe der sozialen Folgekosten eines unkontrollierten Konsums setzt sich aus medizinische Ausgaben, Arbeitslosengeld, Rechtsverfolgung bei illegalem Drogenkonsum und krankheitsbedingten Arbeitsausfällen zusammen. Von den 777 Millionen Euro entfallen auf Alkohol 255 Millionen, auf das Rauchen 234 Millionen und auf die Spielsucht eine vergleichsweise geringe Summe von 10 Millionen Euro pro Jahr. Die höchsten Kosten verursachen illegale Drogen mit jährlich 278 Millionen Euro.

Diesen 777 Millionen Euro steht die jährlich eingenommene Summe von rund 2,2 Milliarden gegenüber, die sich aus den Steuern, Abgaben und der warenbezogenen Mehrwertsteuer auf Alkohol, Tabak und Glücksspiel ergibt. Der Saldo beläuft sich damit auf knapp 1,5 Milliarden Euro.

Kritik an prekärer Datenlage

Kreutzer kritisiert die prekäre Datenlage, die seit Jahrzehnten in Österreich vorherrsche. Die Ergebnisse verschiedener Studien seien meist nur Schätzungen und widersprächen sich in großen Teilen. Daher seien sie statistisch nicht belastbar. Ein Grund dafür seien die viel zu geringen Stichprobenzahlen, anhand deren die Gesamtbevölkerung gemessen wird. Kreutzer, der aus der Markenartikelindustrie kommt, sagt: "Die Einführung einer neuen Geschmacksrichtung bei einem Fruchtjoghurt ist statistisch besser abgesichert."

Eine der Studien, die etwa für Deutschland zu einem widersprechenden Ergebnis kommt, wurde kürzlich vom Institut für Recht und Steuern der Uni Hamburg veröffentlicht: Raucher sollen demnach die Gesellschaft jährlich 35 Milliarden kosten, aber nur 14 Milliarden Euro an Tabaksteuer einbringen. Allein die Arbeitsausfälle sollen jedes Jahr 19 Milliarden Euro Kosten ausmachen. Eine Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen kam im April zu dem Urteil, dass Nikotin und Alkohol die deutsche Volkswirtschaft pro Jahr um 50 Milliarden Euro schädige.

Kreutzer Fischer & Partner, das Beratungsunternehmen, das die aktuelle Studie für Österreich durchführte, erhebt übrigens jährlich eine Branchenanalyse zur Glücksspielindustrie, deren Zielgruppe in diesem Sektor tätige Firmen sind.

Defizite im Bereich der Suchterkrankungen

Gabriele Fischer von der Medizinischen Universität Wien sieht große Defizite im Bereich der Suchterkrankungen. Die Suchtpolitik sei viel zu sehr zersplittert. Man müsse diese effizienter organisieren. Ein nationaler Suchtplan sei notwendig. Suchterkrankungen müssten auch mehr aus der psychischen Perspektive betrachtet werden. "Die finanziellen Mittel verpuffen in organisatorischen Parallelstrukturen, anstatt in die Behandlung von Patienten investiert zu werden", kritisiert die Medizinerin. (Ramona Hampp, derStandard.at, 22.10.2013)

  • Suchtmittel: Einnahmen weit höher als soziale Folgekosten.
    foto: apa/dpa-zentralbild/patrick pleul

    Suchtmittel: Einnahmen weit höher als soziale Folgekosten.

  • Kosten und Einnahmen durch Sucht in Österreich.
    grafik: apa

    Kosten und Einnahmen durch Sucht in Österreich.

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