Luft holen statt anschreien

22. Oktober 2013, 15:30
160 Postings

Kinder anzuschreien ist genauso schädlich wie Schläge austeilen, besagt eine US-Studie - Kinderpsychiater Berger relativiert das Ergebnis allerdings

Wien - Dass Anschreien keine sinnvolle Erziehungsmethode ist, steht wohl außer Streit. Für Aufsehen hat nun eine kürzlich veröffentlichte Studie der University of Pittsburgh (USA)  gesorgt, die dieses Sich-Vergessen mit physischer Gewalt gleichsetzt: Anschreien ist genauso schädlich wie Schlagen, lautete die Kurzformel, die schnell auf diversen Foren im Internet aufgetaucht ist.

Die Forscher der US-Universität Pittsburgh haben zwei jahre lang Familien (967 Jugendliche und ihre Eltern) beobachtet. Das traurige Ergebnis: Ein sonst vertrautes, wohlbehütendes Umfeld könne die emotionalen Defizite bei Kindern, die durch regelmäßiges Schreien entstünden, nicht ausgleichen.

Affektkontrollverluste

So weit, so schlecht. Aber Hand aufs Herz: Schreien Eltern nicht alle gelegentlich? Gehen Mütter, Väter nie die Nerven durch? Wer ist so cool und selbstreflektiert? Der Wiener Kinderpsychiater Ernst Berger sagt: "Wenn jetzt diese Botschaft kommt, dann werden zirka 90 Prozent der Österreicher sagen: Es wird halt manchmal laut." Er findet wenig Gefallen am Tenor der US-Studie. Den Untersuchungszeitraum hält er auch für zu kurz, weil dadurch "keinerlei Erkenntnisse über die längerfristigen Auswirkungen gewonnen werden können“. Berger relativiert:  "Es darf mit der Botschaft nicht über Ziel geschossen werden. Ich bin überzeugt davon, dass auch relativ kleine Kinder es verstehen, Affektkontrollverluste der Eltern einzuordnen", sagt der Kinderpsychiater. Natürlich ist er "ganz klar gegen jede Form von Gewalt in der Erziehung". Sein Tipp für genervte Eltern: "Alles, was zum Zeitgewinn führt, nutzen: also bis Zehn zählen, mehrfach Luft holen, etc."

Spätes Gewaltverbot

Dass das Schlagen von Kindern nicht Teil der Erziehung sein darf, hat der Gesetzgeber in Österreich im Gewaltverbotsgesetz festgeschrieben. Bezeichnenderweise war das erst im Jahr 1989 der Fall. Schweden und Österreich seien hierbei die ersten Länder Europas gewesen, erzählt Berger: "Tatsache ist: Seit damals sinkt die Rate." In der letzten österreichweiten Studie aus dem Jahr 2008 gaben aber immer noch 16 Prozent der Befragten an, dass körperliche Gewalt für sie Teil der Erziehung ist.

Wie schwarze Pädagogik das Leben prägt, hat Kinderpsychiater Ernst Berger anhand der Erfahrungen von Heimkindern drastisch vor Auge geführt bekommen. Im Auftrag der Opferschutzorganisation "Weißer Ring" (im Rahmen des Entschädigungsprojekts der Stadt Wien) ist er in diesem Bereich tätig, hat insgesamt 130 Tiefeninterviews mit ehemaligen Heimzöglingen geführt. Schon die nüchterne Statistik ist erschütternd: Jeder zweite (53 Prozent) war in einer relativ instabilen Partnerschaft, weitere 10,8 Prozent hatten noch gar keine. Viele fanden sich auch in der Arbeitswelt nicht zurecht – 22,3 Prozent der Befragten pendeln zwischen Arbeitslosigkeit und Gelegenheitsjobs.

Heikle Konflikte

Bei den Aussagen der ehemaligen Heimkinder lässt sich ein signifikanter Unterschied zwischen psychischer und physischer Gewalt feststellen. Bei Letzerem komme es sehr rasch zu straffälligem Verhalten: "Gewalt wird hier rasch als Mittel zur Lösung sozialer Konflikte herangezogen", sagt Berger. Die anderen Gewaltopfer haben eher "stärkere Probleme bei sozialen Beziehungen und beruflichen Perspektiven". (Peter Mayr, derStandard.at, 22.10.2013)

  • Eine US-Studie warnt vor den Folgen, wenn Eltern ihre Kinder anschreien.
    foto: istockfoto.com/nomadsoul1

    Eine US-Studie warnt vor den Folgen, wenn Eltern ihre Kinder anschreien.

Share if you care.