Der Kunst des "Imagine" Gewalt antun

21. Oktober 2013, 18:18
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Die Retrospektive zu Yoko Onos 80. Geburtstag macht in der Kunsthalle Krems in erweiterter Form Station: "Half-a-wind Show" heißt die Personale, die im umfassenden Überblick vieles banal werden lässt

Krems - Mit der Auslöschung ist manches von Yoko Onos Werken erst vollendet. Etwa dann, wenn man einer ihrer frühesten Handlungsanweisungen folgt und solange mit Blut malt, bis man stirbt ( Blood Piece, 1960). Man könnte auch mit der Zigarette auf der Leinwand "malen", bis vor lauter Brandlöchern der Malgrund futsch ist (Smoke Painting, 1961). Oder: Man fordert Leute dazu auf, aus einem Bild, die liebsten Partien auszuschneiden - "bis das ganze Ding verschwunden ist".

Im Sinne der Restlverwertung entstand daraus das nächste "Instruction Painting": Malerei, zum Draufsteigen (1961). Einer dieser in die Jahre gekommenen Fetzen lädt nun in der Kunsthalle Krems ein, sich zu "involvieren". Dieser Einladung kann man ebenso widerstehen, wie jener, auf ein Schwämmchen mittels Pipette Wasser zu tröpfeln (Painting To Be Watered, 1962) oder einem Kaugummi-Automaten luftgefüllte Kapseln zu entnehmen (Air Dispenser, 1967). Ein schönes Souvenir von der "berühmtesten unbekannten Künstlerin", wie John Lennon seine Frau einst nannte.

Auf den meisten anderen Objekten steht: "Bitte nicht berühren." Dabei gilt Ono als wichtige Vertreterin der Fluxuskunst, die das Werk im herkömmlichen Sinn ablehnte; die jüngere Kunstgeschichte ist jedoch reich an solchen Widersprüchen: Auch Konzeptkunst sehnt sich offensichtlich danach, Gestalt anzunehmen.

Ono, die sich auch in der Musik einen Namen gemacht hat, hat neben Kunst, insbesondere Komposition, Philosophie sowie zeitgenössische Dichtung studiert. Sie griff feministische Themen auf, bevor die zweite Welle des Feminismus richtig losbrach. Dass Ono, die heuer 80 Jahre alt wurde, lange Zeit als Anhängsel eines Beatles verkannt wurde, steht also außer Frage. Die Frage ist aber, ob man ihr als Pionierin in einer Retrospektive gerecht wird?

Denn dort werden einem die Schlüssel zum Aufsperren des Himmels, die Himmelsmaschinen und Luftphilosophien, die Wir-sind-alle-Wasser-Lösungen, Wassertropfenmalereien und Peace-Gedanken, all die weißen Schachfiguren auf weißen Feldern irgendwann zu viel, zu esoterisch.

Es sind Wiederholung und Materialität, die der Kunst des Imagine Gewalt antun. Etwa jener, das Geräusch fallenden Schnees auf Tonband zu bannen und damit Geschenkpackerln zu verzieren. Feuert man das utopische Potenzial aus vollen Rohren, wird es banal bis zum Gähnen. Poesie wird naiv, Zartes brachial.

Bei Ono macht es die Dosis. Und so hat Hans Peter Wipplinger, der in seiner Karriere nur noch einem anderen Künstler - Joseph Beuys - drei Personalen ausgerichtet hat, wohl niemanden einen Gefallen getan, die in Kooperation mit der Frankfurter Schirn entstandene Retrospektive noch einmal um zwei Dutzend Arbeiten aufzustocken. Etwa mit der vor Lennon-Nostalgie triefenden Serie From My Window (1993) oder der Installation aus sich manifestierenden - und dabei jeden Zauber einbüßenden - Sonnenstrahlen (Morning Beams, 1966/ 1997/2013). Im Spätwerk wirkt die Symbolkraft leider abgedroschen und in ihrer Einfachheit zu vordergründig, was etwa die durch die Leinwand gereichte Hand (Painting to Shake Hands, 2002) verdeutlicht. Ihre Idee, den Rechtsdrang alternder Gehirne durch den Linksruck eines Magneten auszugleichen, hätte in der Welt der Vorstellung mehr Größe gewonnen denn als raumgreifende Installation. An die elegante Zurückhaltung, die viele ihrer mit Schreibmaschine auf ein Kärtchen geschriebenen Konzepte hatten, reichen die Objekte und Installationen nicht heran.

Landschaft für eine Fliege

Film als ein vom Ablauf der Zeit lebendes Medium leidet am wenigsten unter der Präsentation. Darunter die Dokumentation (1965) der berühmten Performance Cut Piece, in der sich Ono die Kleider vom Leib schneiden ließ. Oder das enervierend vertonte, das Kremser Aufsichtspersonal sicher in den Wahnsinn treibende Fly (1970), das aus einer nackten Frau keinen Porno, sondern Landschaft macht. Rape (1969) jedoch über die permanente Verfolgung einer Frau mit der Kamera hätte im Zeitalter von Überwachung und Offenbarung viel zu erzählen. Der Film wird leider nur einmalig (am 17.1.) gezeigt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 22.10.2013)

Bis 23. 2.

  • Freunde und Freundinnen von Yoko Ono ließen 1966 für den "Film No. 4 (Bottoms)" die Hosen runter.
    foto: drysdale

    Freunde und Freundinnen von Yoko Ono ließen 1966 für den "Film No. 4 (Bottoms)" die Hosen runter.

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