Russlandexperte: "Es kann mit dem Umsturz sehr schnell gehen"

Interview21. Oktober 2013, 17:56
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Jene Generation, die in den 90er-Jahren reich geworden ist, strebt in Russland nach politischem Wandel, sagt Journalist Arkadi Ostrowski. Der Putinismus sei instabiler als gedacht

STANDARD: Sie sehen eine neue Generation, die in Russlands Politik strebt. Was zeichnet sie aus?

Ostrowski:  Es sind oft Menschen, die in ihren 30er-Jahren sind; gut gebildet, wohlhabend. Sie gehören meist zur Elite. Erstmals sind sie im Dezember 2011 aktiv geworden, während der ersten Protestwelle (gegen die Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten, Anm.). Bei ihrer Symbolfigur, Alexej Nawalny, geht es sicher um Fragen der Generation. Um Alter, nicht nur um politische Meinung.

STANDARD: Protestieren sie in gewisser Weise gegen eine Situation, für die sie selbst verantwortlich sind?

Ostrowski:  Sie haben jedenfalls in den 90er- und 2000er-Jahren profitiert und sich meist nicht beschwert. Manche sind sozusagen "Putins Kinder". Ich würde aber nicht sagen, dass sie unbedingt von ihm profitiert haben, sondern von den hohen Ölpreisen und dem Wirtschaftswachstum.

STANDARD: Könnte man Demos als Akt schlechten Gewissens sehen?

Ostrowski:  Es geht ihnen eher um klare Themen: Schwäche von Institutionen und Rechtsstaat. Sie sind viel gereist und sehen den Vergleich mit Europa. Unter Putin wird viel importiert: Kleidung, Lebensstil, Autos. Aber manche werden nun Eltern und stellen fest, dass es Dinge gibt, bei denen das nicht geht: Sicherheit, gute Polizei, Gesundheitsversorgung.

STANDARD: Muss diese Gruppe - weil Teil der Elite - vorsichtig sein, sich nicht selbst zu stürzen?

Ostrowski:  Es gibt eine Gefahr, dass sie zum Opfer des Wandels werden, den sie anstreben. Die Intelligenzija war Basis der Perestroika, und ist unter deren Schutt begraben worden. Russland formt meist eine gebildete Klasse, die in einer engen Beziehung zum Staat steht, weil dieser sie ernährt.

STANDARD: Wenn es Wandel gibt - vermuten Sie einen harten Bruch?

Ostrowski:  Manchmal scheint es, als sei der Punkt, an dem ein Übergang möglich wäre, überschritten, als hätte sich Putin für Repression entschieden. Die Signale sind unterschiedlich. Sie versuchen, Stabilität und den Status quo zu erhalten. Es gibt jedenfalls Unterschiede zwischen Gorbatschow und Putin: Gorbatschow war letztlich ein guter Mann - er wollte nicht auf Menschen schießen. Bei Putin bin ich unsicher. Gorbatschow hat sich nicht bereichert. Putin ist einer der reichsten Männer der Welt. Keiner weiß, wo das Geld ist. Ich vermute, viel ist in der Schweiz - und in Österreich.

STANDARD: Gibt es für Wandel auch abseits der Städte Unterstützung?

Ostrowski:  Zufriedenheit sinkt auch in der Provinz, teils sogar stärker. In Großstädten gibt es Versuche, Bedürfnisse zu erfüllen: "Stellen wir City Bikes auf! Lassen wir die Stadt aussehen wie Wien!" Gefährlich für Putin wäre es, wenn Elitenproteste plötzlich mit Unzufriedenheit der Bevölkerung übereinstimmen. Weil es kaum wirtschaftliche Möglichkeiten gibt, muss Putin anders Legitimität suchen - etwa mit Nationalismus. Deshalb versucht er auch gerade, Homophobie anzusprechen.

STANDARD: Er ist also in einer deutlich schwächeren Position, als das von außen manchmal scheint?

Ostrowski: Das ist mein Eindruck. Niemand kann ohne Legitimität regieren. Wenn er Unterstützung verliert, kann es mit dem Umsturz sehr schnell gehen. Ich würde nicht sagen, dass wir uns klar in diese Richtung bewegen. Die Situation ist aber fragil. Stellt man eine Vase auf eine Kante, könnte sie fallen oder stehen bleiben. Was man sicher sagen kann, ist, dass sie in einer schlechten Position ist. (Manuel Escher, DER STANDARD, 22.10.2013)

Arkadi Ostrowski (42) ist Russland-Korrespondent des "Economist". Derzeit ist er Gast des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Heute, Dienstag, 18 Uhr, hält er dort einen Vortrag über Russlands Politik.

  • Journalist Arkadi Ostrowski
    foto: gollner

    Journalist Arkadi Ostrowski

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