Hohe Staatsschulden? Selten ein Problem

22. Oktober 2013, 05:30
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Wer Krisen vermeiden will, sollte nicht so sehr auf die Entwicklung der Staatsschulden schielen

Wien - Der Staat ist verschwenderisch, Politiker können keinen Haushalt sanieren, weil sie nur die nächste Wahl im Blick haben: Diese Gemeinplätze prägen seit Ausbruch der Eurokrise die öffentlichen Debatten in Europa. Seitdem 2010 die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ein Papier vorlegten, in dem sie zeigten, dass Länder deren öffentlicher Schuldenstand 90 Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigt, langsamer wachsen, gilt es als empirisch belegt, dass hohe Staatsschulden in die Krise führen.

Doch eine neue Untersuchung des Centre for Economic Policy Research, eines Londoner Thinktanks, kommt zu einer fast entgegensetzten Schlussfolgerung und sorgt damit für hitzige Diskussionen unter Ökonomen. Die drei Wissenschafter Oscar Jordà (Notenbank San Francisco), Moritz Schularick (Uni Bonn) und Alan Taylor (University of California) haben sich die Auswirkungen privater und öffentlicher Schulden auf das Wachstum in 17 Industrieländern seit 1870 angesehen.

Die drei gelangen zum Ergebnis, dass es in wirtschaftlich "normalen" Zeiten für das Wachstum keine Rolle spielt, wie tief eine Regierung bei ihren Gläubigern in der Kreide steht. Es sei gleichgültig, "ob ein Staat keine Schulden hat oder diese bei 100 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen". Rogoff und Reinhart hatten dagegen argumentiert, dass überstrapazierte Staatshaushalte das Wachstum stets bremsen, weil Unternehmen in Erwartung künftiger Sparpakete ihre Investitionen drosseln. Diese allgemeine Regel sei falsch, schreiben Schularick und seine Kollegen.

In einem zweiten Schritt wollten die Wissenschafter wissen, wann Länder in Krisen stürzen und wie schnell sie wieder herauskommen - ist die öffentliche, die private Verschuldung ausschlaggebend oder gar ein Zusammenspiel beider Faktoren?

Sie untersuchten daher die Auslöser von Finanzkrisen, definiert als kurzer Zeitraum mit vielen Bankenpleiten. Dafür haben sie 95 Krisenepisoden in so unterschiedlichen Ländern wie Großbritannien, Spanien, USA und Japan analysiert. "Wir konnten keinen einzigen systematischen Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Bankenpleiten finden", heißt es in der Studie. Vor jeder dieser Krisenepisoden habe es hingegen einen sprunghaften und rasanten Anstieg der privaten Verschuldung (Banken, Haushalte, Unternehmen) gegeben.

Private Schuldenexplosion

Die private Schuldenlast bestimmt auch, wie schwer eine Krise ausfällt. Eine Rezession in den 17 Industrieländern dauert im Durchschnitt ein Jahr, die Wirtschaftsleistung eines Landes ging um ein oder zwei Prozent zurück. In Zeiten, in denen vor Krisenausbruch die private Verschuldung explodiert war, war der Ablauf dramatischer: Dann dauerten die Krise bis zu drei Jahre, die Wirtschaft schrumpft um durchschnittlich bis zu acht Prozent. An dieser Stelle wirkt sich auch das Zusammenspiel von hohen privaten und öffentlichen Schulden negativ aus: Länder, die in Krisen mit strapazierten Staatshaushalten hineingehen, kommen schwerer hinaus, weil der fiskalische Spielraum fehlt, um dem Kollaps des überschuldeten Privatsektors entgegenzuwirken. Was sind aber Lehren aus all dem?

Die öffentlichen Debatten werden derzeit einseitig geführt, sagt Co-Studienautor Schularick im Standard-Gespräch. "Finanzkrisen entstehen fast immer im Privatsektor, aber das wollen die Bürger nicht wahrhaben. Es ist einfacher auf den Staat und die Politiker zu schimpfen. Dabei waren modern Demokratien mit Ausnahme von Kriegszeiten relativ erfolgreich im Umgang mit Staatsschulden, jedenfalls besser als ihr Ruf". (András Szigetvari, DER STANDARD, 22.10.2013)

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