Bluthochdruck: Den Druck aushalten

22. Oktober 2013, 07:32
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Neben der medikamentösen gewinnen auch alternative Therapien in der Behandlung von Bluthochdruck an Bedeutung - Studien zeigen, wie effizient gesünderes Leben ist

Österreichische Bluthochdruckpatienten sind gewissenhaft: Laut einer Umfrage des Fessel-Instituts in Wien unter 4.000 Patienten lesen 61 Prozent den Beipackzettel ihrer Medikamente. Jeder Dritte ist daraufhin so beunruhigt, dass er die Tabletten nicht nimmt. Von Herzstolpern ist die Rede, kalten Händen und Füßen, Übelkeit, Verstopfung, depressiven Verstimmungen. Deshalb informieren sich viele über alternative Methoden, den Blutdruck zu senken. "Man kann damit tatsächlich den Blutdruck senken", sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus in Berlin und Professor für Naturheilkunde an der Charité. "Bei leichtem Bluthochdruck kann man damit oft Medikamente vermeiden."

Für den Internisten gehört auch eine Änderung des Lebensstils zu Alternativmedizin. Mindestens 30 Minuten an fünf bis sieben Tagen der Woche spazieren zu gehen, zu schwimmen, Rad zu fahren oder zu joggen, empfiehlt die Europäische Leitlinie zur Behandlung von Bluthochdruck. So ein aerobes Ausdauertraining kann den oberen Blutdruckwert um 6,9 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) senken. Medikamente drücken den Wert um 8 bis 10 mmHg. In der Leitlinie wird empfohlen, mit dem Rauchen aufzuhören und Übergewicht zu reduzieren. "Je mehr, desto besser - jedes Kilo weniger senkt den oberen Druckwert um 2 mmHg", sagt Thomas Lüscher, Chef-Kardiologe an der Uni-Klinik Zürich.

Gut belegt ist auch der positive Effekt einer mediterranen Ernährung mit viel Gemüse und Obst, Olivenöl statt tierischer Fette, kaum Fleisch und mäßig Alkohol. "Man muss nicht wie ein Mönch leben", sagt Michalsen, "aber wenn man gestresst ist, ungesund isst und wenig Sport treibt, sind die Gefäße am Limit." Schlanke Leute, die regelmäßig Sport treiben, bräuchten beim Essen weniger vorsichtig sein, denn ihre Gefäße seien gesünder.

Essen, das guttut

"Am besten wäre vegetarische Ernährung", sagt Michalsen, der selbst seit Jahren kein Fleisch mehr isst. "Das senkt nicht nur den Blutdruck, sondern schützt auch die Niere vor möglichen Schäden." Die gute Nachricht für Bluthochdruckpatienten: Schokolade braucht man sich nicht zu verkneifen, der vor allem in dunkler Schokolade enthaltene Inhaltsstoff Epicatechin senkt den Druck. Schokolade in Maßen ist bei Bluthochdruck also durchaus erlaubt, andere blutdrucksenkende Nahrungsmittel sind Hibiskus- und Grüntee, Roter-Rüben-Saft, Soja-Nahrungsergänzungsmittel oder Olivenblätterextrakt.

Wer zusätzlich zum Grünzeug aktiv werden will, kann es mit Akupunktur oder Entspannungstechniken versuchen, etwa Meditation, progressive Muskelentspannung, Achtsamkeitstraining oder Yoga. "Dazu haben wir jetzt einige gute Ergebnisse", sagt Michalsen. Der Naturmediziner erforscht noch diverse andere alternative Behandlungen. Günstige Effekte hatten bei manchen seiner Patienten auch Aderlässe, eine Therapie mit UV-B-Strahlen und Vitamin D, Kneipp-Kuren, Sauna und Fasten.

Keine Langzeitstudien

Nicht geklärt ist bisher, wie lange der blutdrucksenkende Effekt anhält. "Eine wirksame Therapie sollte den Druck nicht nur zu einem beliebigen Zeitpunkt senken, sondern auch langfristig Komplikationen vermeiden", sagt Michael Wolzt von der Bluthochdruck-Ambulanz am AKH Wien.

Bei Medikamenten sei dies klar nachgewiesen. "Aber bei der Naturheilkunde haben wir keine Langzeitstudien mit solchen Ergebnissen." Leider gäbe es für solche Untersuchungen keine Milliarden an Forschungsgeldern, wie sie die Pharmaindustrie für Arzneimittelstudien bereitstellt, verteidigt sich Michalsen, sodass die Forschung nur schleppend vorangehe. "Bei Medikamenten wussten wir am Anfang auch nur, dass sie den Druck senken können - erst später zeigten die großen Studien, dass man damit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken kann." Michalsen vermutet, dass es sich auch bei naturheilkundlichen Verfahren ähnlich verhält. "Wenn sie den Druck senken können, können sie auch Komplikationen vermeiden."

Therapietreu sein

Abgesehen von der Änderung des Lebensstils solle man sämtliche alternativen Methoden allerdings ergänzend und dann nur in Absprache mit dem Arzt versuchen, rät der Kardiologe Lüscher. "Bei den Medikamenten kennen wir Wirkungen und Nebenwirkungen im Gegensatz zur Naturheilkunde genau. Voraussetzung ist allerdings, dass der Patient die blutdrucksenkenden Tabletten auch wirklich einnimmt." (Felicitas Witte, DER STANDARD, 22.10.2013)

Körperstress

Bei einem von zehn Patienten entsteht Bluthochdruck als Folge einer Krankheit, etwa an Nieren oder Nebennieren, als Nebenwirkung von Medikamenten oder durch Drogen wie Amphetamin und Kokain. Hier wird Bluthochdruck als sekundäre Hypertonie bezeichnet.

In all jenen Fällen, bei denen Mediziner keine direkte Ursache finden, lautet die Diagnose primäre Hypertonie. Sie entsteht durch genetische Faktoren und/oder Lebensstil. Es gibt kein einzelnes "Hochdruck-Gen", vermutlich führen Veränderungen an einer Reihe von Genen dazu, dass der Körper empfindlich auf Kochsalz, Stress oder andere Faktoren reagiert und den Blutdruck nicht mehr optimal regulieren kann. Der Körper von Hypertonikern scheidet weniger Salz aus, bindet damit mehr Wasser. Das führt zu mehr Flüssigkeit in den Blutgefäßen, das Herz muss gegen das größere Volumen mit mehr Druck anpumpen.

Im Alter werden zudem die Blutgefäße steifer, sodass der Druck dann noch mehr steigt. Bei Übergewicht reagiert der Körper nicht mehr so empfindlich auf Insulin und stellt deshalb mehr davon her. Insulin hält ebenfalls Salz und Wasser zurück. Außerdem wird bei

Übergewichtigen und Diabetikern in den Blutgefäßen zu wenig Stickstoffmonoxid hergestellt, was bei Gesunden gefäßerweiternd wirkt. Stress, Rauchen und Alkohol verstärken diesen Effekt noch.

  • Blutdruck messen und Tagebuch führen steht am Beginn jeder Behandlung.

    Blutdruck messen und Tagebuch führen steht am Beginn jeder Behandlung.

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