Mit Gleichstrom Worte finden

21. Oktober 2013, 16:00
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Transkranielle Gleichstromstimulation soll Patienten mit Sprachstörungen, wie der Aphasie, bei der Wortfindung helfen

Darmstadt – Fast jeder hat es schon einmal erlebt: Ein Begriff liegt auf der Zunge, kommt aber nicht heraus. Schwierigkeiten bei der Wortfindung sind typische Begleiterscheinungen des Alterungsprozesses, kommen aber auch nach einem Schlaganfall oft vor. Neurophysiologen könnten Betroffenen künftig mit einer Gleichstromtherapie helfen: Schwacher elektrischer Strom wird durch den Schädelknochen in das Gehirn geleitet. In Versuchen konnten Forscher dabei die Fehler in der Wortfindung um 30 Prozent senken, wie ein aktueller Beitrag aus in der KKlinischen Neurophysiologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) berichtet.

Die Ergebnisse seien ein Hoffnungsschimmer für Menschen mit Sprachstörungen, wie etwa Aphasie, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Eine Untersuchung für Aphasiker nach einem Schlaganfall sowie für Menschen mit leichten kognitiven Störungen ist in Arbeit.

Effiziente Verarbeitung

An der ersten Untersuchung im Jahr 2012 nahmen 20 gesunde junge Menschen teil. Die Wissenschaftler gaben den Probanden sechs Kategorien vor, zum Beispiel Tiere, Obstsorten oder Sportarten, zu denen jeweils zehn Beispiele genannt werden sollten. Eine Sitzung fand unter sogenannter transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) des Hirnareals statt, in dem sich das motorische Sprachzentrum befindet. Bei einer zweiten Sitzung wurde die Stimulation simuliert. Beide Male wurden die Aktivitäten im Gehirn mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessen.

Ergebnis: Während der Gleichstromstimulation unterliefen den Teilnehmern deutlich weniger Fehler als in der Plazebo-Situation. Außerdem reduzierte sich die Aktivität im stimulierten Hirnareal. "Dies könnte auf eine effizientere Verarbeitung unter Strom hindeuten", erklärt Agnes Flöel, Neurologin an der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Charité Berlin.

Bessere Resultate

Eine zweite Studie, die im Sommer dieses Jahres veröffentlicht wurde, konnte die Ergebnisse untermauern: Hier verglichen die Forscher die Wortfindung bei 20 gesunden älteren Menschen mit und ohne Gleichstromstimulation; als Vergleichsgruppe dienten junge gesunde Personen. Die Tests ergaben, dass Ältere während der Stromtherapie ebenfalls bessere Resultate erzielten als ohne. Sie konnten ihre gegenüber jüngeren Probanden schlechtere Wortfindung sogar fast auf deren Niveau steigern. "Gerade für die Altersforschung ist unsere Arbeit damit von großer Bedeutung", sagt die DGKN-Expertin Flöel und Leiterin beider Studien.

Aber auch Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen oder Aphasie-Patienten können von der Methode profitieren. In Deutschland leiden mindestens 100 000 Menschen an einer Aphasie, einer Sprachstörung als Folge einer Hirnschädigung. Einige vertauschen Wortlaute, lassen sie weg oder verwechseln Worte. Bei anderen schlagen sämtliche Bemühungen fehl, sich verbal zu äußern. 

Erste Studienhinweise liegen bereits vor, dass die tDCS auch hier die Funktionserholung verbessern könnte. In aktuell laufenden Studien untersuchen Flöel und ihre Kollegen, ob die Gleichstrombehandlung die Benennung von Wörtern bei Betroffenen nach einem Schlaganfall oder bei Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen verbessert. (red, derStandard.at, 21.10.2013)

  • Schwierigkeiten bei der Wortfindung sind eine typische Begleiterscheinung des Alterungsprozesses.

    Schwierigkeiten bei der Wortfindung sind eine typische Begleiterscheinung des Alterungsprozesses.

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