Wir sind doch noch alle Wirtschaftsbürger?

Blog21. Oktober 2013, 17:14
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Das Verständnis von Arbeitswelt ist sehr widersprüchlich entstanden, schreibt Leo Hemetsberger - Welt- und Wirtschaftsverständnis, Teil 4

Wieso glauben wir noch immer so gern den in Variationen präsenten Erzählungen, dass unsere heutigen Arbeitswelten und die damit verbundenen Rahmenbedingungen notwendig so sein müssen, wie sie sind? Wer im Hamsterrad eingespannt bleibt, hat keine Zeit, sich die Konsequenzen zu vergegenwärtigen, die sich aus der Prolongation dieser Wege ergeben, die weder nachhaltig noch vernünftig sind. Doch weil wir Angst vor dem Verlust des bisschen Sicherheit haben und glauben, als Einzelne ohnehin nichts ausrichten zu können, bleibt alles wie es ist. Mitnichten!

Das Induktionsproblem

Sie kennen die Geschichte vom Truthahn, der bis zum Moment seiner Schlachtung keinen Grund hatte, an seinem Vertrauen zu dem Bauern zu zweifeln. Erhielt er doch bis dahin jeden Tag nur positive Signale: Fressen, Wasser, einen Unterstand und sogar medizinische Hilfe, bis - aber dann war es zu spät. Solche Ereignisse, die Nassim Taleb als schwarze Schwäne bezeichnet, entziehen sich der Erfassung mittels vergangenheitsbezogener Vorannahmen. Sie liegen im Bereich des unbekannten Nichtwissens, jenseits jeder herkömmlichen Analysen und Risikoabschätzungen, weil sie den bestehenden Kontext und auch den Konsens erlaubten Wissens sprengen. Nur selten werden die Ereignisse, wenn sie dann eingetreten sind, zum Anlass genommen, um Vorangenommenes zu revidieren, dazu müsste noch etwas vom Truthahn übrig sein. Also bleiben wir einfach entspannt, es wird schon weitergehen.

The show must go on

Wie war das nochmal mit dem homo oeconomicus? Welche historische Faktoren sind für die Analyse, wer oder was ein solcher sein kann, hilfreich? Viele, oft einander widersprechende Annahmen zu diesem Konstrukt sind veraltet, halten sich aber nach wie vor und werden immer wieder aufgewärmt. Cui bono? Das macht den Diskurs doppelt mühsam.

Aller Anfang ist vorbei

Ach man lasse bitte, wenn es um das Verhältnis von Individuum und aktueller Arbeitswelt geht, nicht nur Platon und Aristoteles, sondern die gesamte philosophische Antike außen vor. Man kann sich ja leicht wie beim Bibelstechen den einen oder anderen Satz herauspicken, moralischer Zeigefinger und idealistische Metaebene passen einfach immer, aber eben nur irgendwie. Diese untergegangenen Welten bleiben uns heute verschlossen. Was sollten sie uns auch zu den Phänomenen Lohnarbeit, Sozial- und Krankenversicherungs- und Pensionssystem sagen? Gab es damals noch nicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung zur Zeit Christi Geburt betrug ca. 25 Jahre. Da sagt es sich leicht, bis dass der Tod euch scheidet - aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Antike bleibt nur ein ferner Widerschein, an dem sich unsere projizierten Vorstellungen spiegeln wollen. Davor hüte uns die Hermeneutik.

Welche neuzeitlichen philosophischen und religiösen Positionen spielten bei der Entwicklung des seltsamen Zerrbilds vom Wirtschaftsbürger also noch mit? Festgehalten sei, dass die aufgezählten Ansätze nicht vollständig sind und das Genannte im Hinblick etwa auf das Gesamtwerk der Autoren oft mehrdeutig lesbar bleiben sollten. Die Philosophie ist fließend.

Rechte von Natur aus

Hugo Grotius begründete die Naturrechtsphilosophie, dass der Mensch von Natur aus bestimmte Rechte habe, die sich im Gegensatz zu den religiösen Offenbarungen des Mittelalters aus der Vernunft als Quelle des Wissens ableiten lassen sollen. Aber auch das ist eine Übereinkunft, bleibt eine zu akzeptierende Konvention. Wir sind von Natur aus genauso ungleich wie gleich. Wer sich bezüglich Menschenbild heute nur auf Vernunft und Verstand stützen möchte, wird nicht nur von der psychologischen Verhaltensforschung, sondern auch den Neurowissenschaften, die zur Genese ethischer Grundhaltungen wichtiges festgestellt haben, mildes Kopfschütteln ernten. Auch davon ein anderes Mal.

Krieg bellt der Kerberos - die Angst bleibt

Thomas Hobbes sah im Menschen ein unbeherrschtes und gieriges Wesen, eine Gefahr für sich und andere, das durch den Staat beherrscht werden müsse. Auf der Basis eines Gesellschaftsvertrags "geben sie ihre Freiheit zugunsten des Leviathan auf". Er plädierte für eine starke staatliche Zentralmacht. Das sei verständlich, schreiben seine Apologeten, ist seine Perspektive doch stark durch den selbst erlebten dreißigjährigen Krieg geprägt. Er selbst erfuhr politische und religiöse Verfolgung. Aber seine auf "Homo homini lupus" und "bellum omnium contra omnes" Stehsätze reduzierten Annahmen wurden schon von den späteren Vertragstheoretikern kritisiert und erleben leider als problematische Verkürzungen fröhliche Urständ, die im neoliberalen Mainstream immer wieder aufgekocht werden.

Wenigstens setzte zu seiner Zeit endlich der pragmatische Konsens des "cuius regio, eius religio" dem Wahrheitswahn auf der Ebene der Politik mit dem Westfälischen Frieden ein pragmatisches Ende - oder?

Geht's der Wirtschaft gut...

War der Handel in der mittelalterlichen Gesellschaft noch verpönt, so erhielt er mit Beginn der Neuzeit durch die erfolgreichen Seefahrtskompanien als wichtigste Einnahmequelle für die absoluten und immer geldgierigen Fürsten einen neuen Stellenwert, mochte die Kirche auch dagegen wettern - "pecunia non olet". Wo, wo nur wo lag das El Dorado? Also morden wir uns dazu als Kolonialherren einfach einige Jahrhunderte durch die minderwertigen Urvölker dieses Planeten.

Im entstehenden Merkantilismus des 16. Jahrhunderts entwickelte sich eine Ethik der Zweckmäßigkeit. Sie wurde zu einer weiteren Vorstufe des reduktionistischen Begriffs vom homo oeconomicus. Der Mensch als Bios wurde als wichtiger Wirtschaftsfaktor erkannt, die Reproduktion daher forciert, denn viele Untertanen bedeuteten wirtschaftliche und militärische Stärke. Kinder und die, durch oft widerrechtliche Aneignungen landlosen Bauern, wurden in Produktionsprozesse gezwungen (Sklaverei, Zwangsarbeit). Militärisch blieben die Mannstärken bis über die industrielle Schlachtbank des ersten Weltkriegs hinaus essenziell. Ohne Mobilmachung des durch Napoleon eingeführten Volksheeres hätte dieser das absolutistisch regierte Europa nicht so in die Knie gezwungen.

Am Ende sind wir alle blöd

Thomas Malthus malte gegen das propagierte Bevölkerungswachstum sein Zerrbild der demographischen Verblödung und der notwendig resultierenden Ressourcenengpässe. Dieses blieb fast bis heute als Menetekel am ängstlichen Eliten- und Bürgerhimmel, der sich gerne über Exklusion definierte und in platonischer Manier immer wieder nach der Eugenik rief.

Dazu verkündete schon früher der Calvinismus auch noch das Gottesgnadentum durch Arbeitsfleiß und die Auserwähltheit der wenigen, aber reichen als Schlupfloch aus der Zwickmühle der Prädeterminationslehre, woraus die Hydra der protestantischen Ethik wuchs. Arbeit und Fleiß hießen jene neuen Tugenden, die dem mittelalterlichen Menschenbild fremd waren.

Sapere aude, sapperlot!

Dagegen stand in der Folge das Autonomieprinzip der Aufklärung auf, der Mensch als Individuum könne nicht nur seine Natur erkennen, sondern sie auch fortschreitend weiterentwickeln. Deshalb lautet es in der Virgina bill of rights: "We hold these truth to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the Pursuit of Happiness..." Na, das klingt ja jetzt endlich positiv. Die erste Sklavenbefreiung fand übriges 1791 auf Haiti statt, was den französischen (postrevolutionären) Kolonialherrn gar nicht behagte. Der damalige Liberalismus vertrat einen anthropologischen Aristokratismus (Domenico Losordo: Freiheit als Privileg..., Papyrossa, Köln 2011). Die brutale Rückeroberung der befreiten Kolonie und die jahrhundertelang abgepressten Reparationszahlungen (bis 1947!) waren Gründe, dass die erste befreite Insel durch die prolongierte Ausbeutung noch zu den ärmsten zählt.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Für alle? Da könnte ja jeder kommen, am Ende auch noch die Frauen. Dafür steht stellvertretend das Schicksal von Olympe de Gouges, die 1791 die Frauenrechte propagiert hatte und deshalb 1793 hingerichtet wurde. (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 21.10.2013)

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig.

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Philosophische Praxis

Nachlese

  • Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.
    foto: fallnhauser

    Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.

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