Regisseur Dimiter Gotscheff 1943-2013

21. Oktober 2013, 07:27
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Der bulgarische Theaterkünstler verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit

Wien - Mit einem Schlag berühmt wurde Dimiter Gotscheff, als er 1983 Heiner Müllers rätselhafte Tragödie Philoktet in Sofia inszenierte. Der Dichter bescheinigte dem Regisseur das vollständige Gelingen. Er habe anlässlich der Aufführung "die Übersetzung von Text in Theater gesehen, die Transformation der Fabel vom Stellplatz der Widersprüche zur Zerreißprobe für die Beteiligten".

Tatsächlich gehörte der Sohn eines bulgarischen Tiermediziners zu den eigenwilligsten Vertretern der Brecht-Schule. Er lebte bereits in jungen Jahren in der DDR, studierte bei Benno Besson und wurde 1968 Regieassistent von Fritz Marquardt.

Im deutschsprachigen Stadttheater nahm der Regiekünstler Gotscheff eine Sonderstellung ein. Mit der historischen Avantgarde verband ihn die Ansicht, auf Utopien nicht Verzicht leisten zu können. Als Theaterpraktiker plädierte er für Einfachheit. Die psychologische Einfühlung war ihm ein Gräuel. Dramen brach er auf Grundkonflikte herunter. Die Entfaltung der Widersprüche überließ er zur Gänze den Schauspielern. Mit unbestechlichem Blick verhandelte Gotscheff die Not von Menschen, deren Tun mit ihrem unglücklichen Bewusstsein nicht Schritt hält.

Spätestens Mitte der 1980er-Jahre war Gotscheff ganz in Deutschland angekommen. Von 1995 bis 2000 gehörte er dem Leitungsteam des Stadttheaters Bochum an. In Österreich inszenierte er mehrfach, so 2000 das Bürgerkriegsstück Das Pulverfass (Dejan Dukovski) beim Steirischen Herbst in Graz. Dimiter Gotscheff fand immer sparsamere Bilder, um die Katastrophenanfälligkeit des Menschen zu illustrieren. Schauspielern wie Samuel Finzi und Almut Zilcher hielt er unbedingt die Treue. Für seine Inszenierung von Tschechows Iwanow an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2005 wurde er zum Regisseur des Jahres gewählt.

Gotscheffs Lust am überschäumenden Erzählen fand in der Uraufführung von Handkes Immer noch Sturm bei den Salzburger Festspielen 2011 ihren sinnfälligsten Ausdruck. Jetzt ist Gotscheff nach schwerer Krankheit 70-jährig in Berlin gestorben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 21.10.2013)

  • Hätte bald in Wien inszenieren sollen: D. Gotscheff.
    foto: neumayr

    Hätte bald in Wien inszenieren sollen: D. Gotscheff.

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