Tolle "Phantom"-Fortsetzung

21. Oktober 2013, 17:17
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"Love Never Dies" als Erstaufführung im Wiener Ronacher

Wien - Understatement ist kein Begriff, den man mit der Musical-Branche in Zusammenhang bringt. Aber Andrew Lloyd Webbers Love Never Dies im Ronacher als "konzertante Aufführung" zu bezeichnen, ist definitiv überraschend bescheiden. Ja, das 41-köpfige, von Musikdirektor Koen Schoots einfühlsam geleitete VBW-Orchester nimmt den Großteil der Bühne ein, aber drum herum gelingt Andreas Gergen, dem Operndirektor des Salzburger Landestheaters, mit wenigen Requisiten, stimmungsvollem Licht (Andrew Voller) und fulminanten Darstellern eine Show, die die deutschsprachige Erstaufführung von Love Never Dies zum beeindruckenden Erlebnis macht.

Zehn Jahre später

In der Fortsetzung von Webbers Phantom of the Opera findet sich der Titelheld zehn Jahre nach den Pariser Ereignissen als Impresario eines Vaudeville-Theaters auf Coney Island wieder. Doch der physisch und psychisch Vernarbte sehnt sich nach seinem geliebten One-Night-Stand Christine und lockt die Opernsängerin mit einem Angebot nach Übersee. Christine kommt mit Gatte und Kind - Gefühle und Krisen allerhöchster Intensität folgen ... In der abwechslungsreichen Musik beweist sich Webber als Routinier im positiven Sinn.

Drew Sarich, der Hamburger Rocky, ist als Phantom das emotional-vokale Kraftzentrum dieser Produktion - mit enormer Bandbreite des Ausdrucks. Milica Jovanovic leiht Christine makellosen, soubrettennahen Opernsängerinnencharme; der ebenfalls eher niedliche, aber kraftvollere Sopran Barbara Obermeiers gibt Meg Giry, der Rivalin Christines, mehr Power. Als Christines alkoholabhängiger Gatte Raoul hat Julian Looman die Haare schön; kindliche Rührung verbreitet Leonid Sushon als Gustave, der Sohn Christines. Maya Hakvoort ist als rabenschwarze Madame Giry ganz auf mütterliche Domina getrimmt.

Am Ende fällt ein Schuss - wen trifft er? Man kann es im Ronacher bis 26. Oktober erfahren. (Stefan Ender, DER STANDARD, 22.10.2013)

  • Milica Jovanovic (als Christine Daaé) und Leonid Sushon (als Gustave).
    foto: rolf bock

    Milica Jovanovic (als Christine Daaé) und Leonid Sushon (als Gustave).

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