Und von dem Unfall träumt er nie

Porträt20. Oktober 2013, 16:44
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Alexander Sperr sollte für Aston Villa verteidigen, bekam aber keine Arbeitsbewilligung. Seit einem Unfall mit einer Hantel 1991 sitzt er im Rollstuhl

Wien - Die Frage nach dem Warum hat sich Alexander Sperr nie gestellt. "Wer hadert", sagt er, "der hat verloren, der dreht durch. Die Sinnfrage war nie ein Thema." Natürlich weiß er, dass der 19. August 1991 ein Montag war. Es war am Vormittag, er schickte sich an, im Sporttherapiezentrum in Wels seinen Körper in Schuss zu bekommen. Der hatte unter dem Fußball gelitten, Kreuzbandrisse, kaputter Meniskus, die beiden Knie, eine Baustelle. Da lag also die 100 Kilogramm schwere Langhantel, und dort stand die Bank, auf die er steigen wollte. Mit dem Gewicht hinterm Kopf im Nacken. Ein falscher Schritt, die Bank kippte, Sperr fiel aufs Gesäß, die Last stauchte den Oberkörper zusammen. Er lag da, spürte seine Beine nicht mehr, schrie zwei- oder dreimal: "Ich bin gelähmt."

Sein alarmierter Vater und sein Bruder weinten, die Mutter und Freundin Sabine, die spätere Frau Sperr, behielten Ruhe. "Die Frauen waren cooler. Komischerweise hatte ich keine Schmerzen." Die Operation in der Linzer Klinik ist gut verlaufen, der leitende Arzt war eine Kapazität, konnte Schlimmeres verhindern. Der elfte und der zwölfte Brustwirbel waren aber gebrochen, die Beine blieben gelähmt. Nur die Beine. Sperr war gerade 23 Jahre alt.

Individualismus

Im Oktober 2013 sitzt der Linzer im Café Landtmann. Er mag Wien, hat hier oft geschäftlich zu tun. Andere fahren mit dem Bus zu Terminen. "Ich fahr halt mit dem Rollstuhl." Seit zwölf Jahren ist er selbstständig, die Firma heißt goodwin, eine Public-Relations- und Sportmanagementagentur. "Good feelings win games" steht auf der Visitenkarte. Zu seinen Klienten zählen ungefähr 40 junge, im Idealfall ausbaufähige Kicker. Zum Beispiel Teamtormann Heinz Lindner, Raphael Holzhauser und Michael Schimpelsberger. Das Handwerk hat Sperr in der Agentur des Jürgen Werner gelernt. "Ich sehe mich als Berater, der bei der Karriereplanung hilft." Sperr mag keinen Einheitsbrei. "Jeder ist heutzutage eine Ich-AG, jeder rennt mit riesigen Kopfhörern durch die Gegend. Ich möchte den Individualismus fördern, ich mag die Querdenker. Es ist fast schon auffallender und mutiger, kein Tattoo zu tragen. Nur merken es die Spieler nicht."

Sperr wird am 19. April 1968 geboren, vier Geschwister haben darauf gewartet. Der Papa betreibt einen Installationshandel, das Haus ist groß, die Mutter legt Wert darauf, "dass jeder sein Ding macht. Ich bin in einem sehr freigeistigen Klima aufgewachsen. Und ohne Fernseher." Alexander fährt gut Ski, besteigt den einen oder anderen Berggipfel, sein bester Freund spielt Fußball. "Also habe ich es auch gemacht." Pasching, Wels und dann Voest Linz. Er entwickelt sich zum kompromisslosen, verlässlichen, geradlinigen, niemals unfairen Innenverteidiger. Ein Trainer, der ihn prägt, ist Heinz Hochhauser. 1989 will ihn Aston Villa kaufen, die Engländer sind bereit, acht Millionen Schilling Ablöse zu zahlen. Sperr wird die Arbeitsbewilligung verweigert. Um auf der Insel als Ausländer einen Job als Fußballprofi zu bekommen, musste man damals zumindest ein Länderspiel aufweisen. Sperr hatte eines weniger.

Der Anfang vom Ende

Die Austria möchte ihn, der legendäre Joschi Walter legt ein Angebot. Er kritzelt auf eine Papierserviette ein paar Zahlen, die ein Jahresgehalt von 440.000 Schilling ergeben. Sperr findet das respektlos, lehnt ab. Auch der damalige Rapid-Trainer Hans Krankl ruft an, sagt ungefähr "Ich will dich". Mehr kommt nicht. Sperr zieht es vor, bei der Admira zu unterschreiben. Denn die setzt einen richtigen, schriftlichen Vertrag auf. Seine Mitspieler heißen Gerhard Rodax, Walter Knaller und Fred Schaub, Trainer ist Ernst Weber. Die beiden Letztgenannten sind bereits verstorben.

Sperr reißt sich im ersten Spiel bei Sturm Graz das linke Kreuzband. Ohne Fremdeinwirkung, ein deppertes Grasbüschel stand im Weg. Es geschah im Juli 1989. "In Wahrheit war das schon der Anfang vom Ende meiner Karriere." Vielleicht hat er auch deshalb den Unfall mit der Hantel "sofort akzeptiert. Ganz ehrlich, ich war nie verzweifelt, von Selbstmordgedanken keine Spur. Es war vernünftiger, dass es einen wie mich erwischt hat. Andere wären vielleicht daran zerbrochen. Nach 14 Tagen war die Geschichte für mich erledigt. Ich konnte zwei Sekunden lang stehen. Ich habe später nie von dem Unfall geträumt." Professioneller Behindertensport habe ihn überhaupt nicht interessiert. "Ich sah darin keinen Sinn, keine Herausforderung. Mir tat ja als Profifußballer schon alles weh, ich hatte mit dem aktiven Sport früh abgeschlossen." Sperr brachte es als Aktiver zwischen den Verletzungspausen auf gerade einmal 42 Bundesligapartien.

Er redet "wahnsinnig gerne über Fußball". Sein Plan sieht vor, noch zehn Jahre lang die Agentur zu betreiben. "Dann bin ich 55. Ich glaube, ich genieße in der Branche einen sehr guten Ruf, den habe ich mir hart erarbeitet. Ich war auch als Fußballer anständig." Es bedarf großen Einsatzes, um als Unternehmen zu bestehen. "Denn am Kuchen Fußball wollen sehr viele mitnaschen. Es laufen die wildesten Gestalten herum."

Entschleunigung

Alexander Sperr glaubt an (hofft auf) eine Entschleunigung. Er liebt die Langsamkeit des Familienlebens, das Spielen mit seiner siebenjährigen Tochter Maxima, die erholsamen Tage auf Ibiza, die immer wieder eingeschoben werden. Behindertenpolitik sei zwar wichtig, "aber das ist nicht meins. Ich halte mich dort auf, wo es keine Barrieren gibt."

Sollte sich die so theoretische wie berühmte Fee nach Linz verfliegen und ihm drei Wünsche gewähren - ob Sperr sich dann wünschen würde, wieder gehen zu können? "Keine Ahnung. Darüber habe ich mir echt keine Gedanken gemacht." Warum auch. (Christian Hackl, DER STANDARD, 21.10.2013)

  • Alexander Sperr im Oktober 2013 im Kaffeehaus.
    foto: cremer

    Alexander Sperr im Oktober 2013 im Kaffeehaus.

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