Politisch korrekte Schnitzelumbenennung

Blog20. Oktober 2013, 16:23
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Hannover streicht Begriff "Zigeuner" aus den Speisekarten – der Streit darum verläuft bisher vergleichbar gesittet

Political Correctness (PC) scheidet die Meinungen und die Gemüter. Das Nachdenken darüber, welche Rolle der Sprachgebrauch bei der Verbreitung und Aufrechterhaltung von rassistischen oder sexistischen Vorurteilen spielt, wird ebenso verteidigt wie bekämpft.

"Zensur!" brüllen die Gegnerinnen und Gegner. "Denkverweigerung!", schmettern ihnen die Befürworterinnen und Befürworter entgegen – Jene, um deren Bezeichnung es geht – Schwarze etwa oder Roma und Sinti – werden dabei oft überhört. Und niemals war dieser letztlich unproduktive Meinungsaustausch bisher heftiger, der Streit emotionaler, als beim Kulinarischen: Die Kritik an Speisebezeichnungen, die mit rassistisch konnotierten Begriffen einhergehen, führte regelmäßig zu massiven Kontroversen.

Tatsächlich erscheinen zum Beispiel Überlegungen, aus den (Süß)speisekarten die Begriffe "Mohr" und "Neger" herauszustreichen, gar geeignet zu sein, das Lebensgefühl von Verteidigern der traditionellen Bezeichnungen tief zu erschüttern: "Diese politische Korrektness (sic!) legte sich wie ein Aschenregen über die Begriffe. Was ehemals farbenprächtig und putzlebendig erschien, musste plötzlich Gipsbeine tragen mit dem Aufdruck: Enthält gut gemeinte Absichten, ist appetithemmend und kann Depressionen hervorrufen", schrieb etwa der renommierte deutsche Gastronomiekritiker Wolfram Sieback 2012 in seinem Blog.

Historisch belastet

Nun jedoch ist – im hier offenbar sachlicher orientierten Deutschland - eine PC-Diskussion ums Essen entbrannt, die, zumindest bisher, relativ gesittet verläuft. Im Mittelpunkt steht die norddeutsche Stadt Hannover, wo sich die Stadtverwaltung entschlossen hat, der Kritik des dortigen Forums der Sinti und Roma Folge zu leisten. Von diesem war die Forderung gekommen, den vorurteilsbeladenen, historisch belasteten Begriff "Zigeuner" aus dem kulinarischen Sprachgebrauch zu verbannen.

So geschah's auch: In der Rathauskantine und im Messerestaurant gibt es seither keine "Zigeunerschnitzel" mehr. Eine Reihe Gasthäuser hat sich dem angeschlossen. Zwar gibt es den cholesterinfördernden Klassiker aus der schnellen deutschen Küche weiter - das in Mehl gewendete, gebackene, in eine Soße aus Paradeisern, Pilzen und Paprika versenkte Stück Schweinefleisch, das nur selten ohne Pommes auftritt. Nur heißt es jetzt eben anders: "Schnitzel Budapester Art" oder auch "Schnitzel Balkan Art". Dass bei den Herstellern diverser Fertigsoßen, die das Z-Wort im Namen tragen, bisher keine vergleichbare Einsicht aufkam, ist ein anderes Thema.

In den Medien stößt das kommunale Entgegenkommen auf durchmischte Reaktionen: Mit den begrifflich runderneuerten Schnitzeln könne man leben, schreibt etwa die Hannoversche Allgemeine: "Klingt also, als gehe es jedenfalls auch ganz gut ohne das "Zigeuner" vor dem Schnitzel". Doch zu PC im Allgemeinen äußert sich Autor Thorsten Fuchs skeptisch: "Vielleicht lässt sich die Welt auf diese Weise ja tatsächlich ein wenig besser machen. Man verbannt einfach ein unschönes Wort aus der Sprache, und schon, schwups, verschwindet auch seine unschöne Bedeutung aus dem Denken".

Kern der Kritik

Was indes positiv auffällt, wie überhaupt an diesem Streit: Am inhaltlichen Kern der Kritik wird nicht gerüttelt. Dass "Zigeuner" ein diskriminierender Begriff ist, konzediert die Hannoversche ebenso wie Bild Online.

Nämlich, dass es erstens diskriminierend ist, weil er Vorurteile transportiert, indem eine den Roma und Sinti zugeschriebene "Lebensform" mit meint, die heute zwar nur mehr von Wenigen praktiziert wird, aber dennoch als "typisch" gilt: die vielfach mit Diebstahl und Betrug gleichgesetzte Nicht-Sesshaftigkeit, vulgo "Umherzigeunern". Dass der Begriff "Zigeuner" zweitens historisch belastet ist, da die Nationalsozialisten ihn zur Rassenbezeichnung erhoben hatten. Einer "Rasse", die sie in der Folge bekämpften: hundertausende "Zigeuner" wurden in Konzentrationslagern umgebracht.

Dass ein solcher Begriff für Roma und Sinti kulinarisch inakzeptabel ist, wird in der Diskussion um die Hannoversche Schnitzelumbenennung nicht in Frage gestellt: Eine Erholung im Vergleich zu bisherigen österreichischen Süßspeise-Streits, wo mancher PC-Kritiker gar nicht die Political Correctness kritisierte, sondern vielmehr die diskriminierenden Begriffe verteidigte: À la: man werde doch wohl noch "Mohr" sagen dürfen. (Irene Brickner, derStandard.at, 20.10.2013)

  • Verschwindet auch seine unschöne Bedeutung aus dem Denken, wenn ein unschönes Wort aus der Sprache verschwindet?
    foto: epa/holger hollemann

    Verschwindet auch seine unschöne Bedeutung aus dem Denken, wenn ein unschönes Wort aus der Sprache verschwindet?

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