Herbstlicher Rugbyfrühling auf der Hohen Warte

19. Oktober 2013, 21:36
19 Postings

Österreich kommt im ersten Match unter der Leitung von Teamchef Stevenson zu einem 58:14-Sieg im Nationencup gegen Bulgarien

Wien - Am Samstag wurde auf der Hohen Warte in Wien der Beweis angetreten, dass Rugby durchaus nicht ausschließlich bei Regen oder Wind oder Kälte oder diversen Kombinationen daraus gespielt werden darf. Denn das Match der österreichischen Nationalmannschaft im Rahmen des Europäischen Nationencups gegen Bulgarien wurde tatsächlich bei gloriosem Sonnenschein absolviert.

Um die geneigte Leserschaft nicht unnötig auf die Folter zu spannen, das Ende gleich zu Beginn. 58:14 (27:6) ging es aus, beim Debüt von Philipp Stevenson, dem neuen österreichischen Teamchef aus Neuseeland. Das ist nicht nur aus sich selbst heraus bemerkenswert, sondern auch deshalb, da Österreich seine bisherigen vier Spiele in der Staffel 2C verloren hatte. Die ÖRV-Auswahl ziert nach diesem Erfolgserlebnis zwar weiterhin das Tabellenende, nach dem Abpfiff stellte ein sehr entspannter Stevenson trotzdem mir nichts dir nichts Tabellenplatz zwei (hinter dem bisher überragenden Zypern) als Zielvorgabe in Aussicht.

Irreführende Körpersprache

Es ist ja bekanntlich kaum etwas Angenehmeres vorstellbar, als einen derartigen Frühlingsnachmittag im Herbst im ehrwürdigen Umfeld der Hohen Warte zu verbringen. Gerade als die Gefahr virulent wurde, von diesen wohligen Umständen zum Tribünendösen verführt zu werden, stürmte auch schon der bulgarische Pulk zum Aufwärmprogramm auf das Feld. Angesichts so mancher Körperumfänge war man in der Sekunde hellwach, und doch etwas in Sorge um die Gesundheit der im Vergleich dazu geradezu zierlichen Österreicher.

Nach dem Anpfiff deutete sich jedoch zügig die Unbegründetheit etwaiger Alptraumfantasien an. Die Gastgeber hatten das Geschehen auch aufgrund eklatanter Geschwindigkeitsvorteile weitgehend in der Hand, Bulgariens Bäuche wuchteten sich nach Kräften den anstürmenden Österreichern entgegen. Es brauchte allerdings einen (aus bulgarischer Sicht) hinterhältig aufspringenden Ball, um den Weg für den ersten Try der neuformierten "Steinböcke" freizumachen. Ein Twist of Fate in sehr greif- und sichtbarer Erscheinungsform, könnte man sagen.

Doppelschlag klärt die Verhältnisse

Da der zweite Versuch nicht lange auf sich warten ließ, wurden gegen Ende der ersten Halbzeit die Verhältnisse auf dem Spielfeld auch endlich im Punktestand von nunmehr 27:6 korrekt widergespiegelt. Da konnte die Anzeigetafel noch so stur auf ihrem 0:0 beharren. Eine rührende Szene hatte sich abgespielt, als die zarte bulgarische Physiotherapeutin einen ihrer gestürzten Lackeln mit festem Griff umfing, um dem gut doppelt so großen wie breiten Mann eine Stütze auf dem humpelnden Weg zur Ersatzbank zu sein.

Österreich begann die zweiten 40 Minuten dort, wo man die ersten beendet hatte. Weitere drei Tries schraubten den Vorsprung auf 51:9, nur eine zwischenzeitliche Periode der Unkonzentriertheit erlaubte sich das ansonsten schwungvolle, wenn auch sicher nicht fehlerlose Team. Als es sich wieder zusammengerissen hatte, nahm die gegnerische Überforderung wohl auch angesichts der bereits fortgeschrittenen Spielzeit geradezu groteske Formen an. Der bulgarische Trainer verlieh seiner Verzweiflung mittels eines ausgedehnten, von ausdrucksstarker Gestik untermalten Selbstgesprächs im Brüllton Ausdruck.

Ein harmonischer Aufbruch

Österreich blieb trotzdem unnachgiebig. Man lief die in den Seilen hängende Opposition weiter mürbe und wurde durch immer weiter sich öffnende Räume belohnt. Das 58:9 war der numerische Ausdruck all dessen. 22 der österreichischen Punkte gingen dabei auf das Konto des sicher kickenden Spielmachers Max Navas. Anerkennung verdiente immerhin das Bemühen der Bulgaren, auf spielerischem Weg vielleicht doch noch einen Ehrenversuch zu landen. In der letzten Aktion der Partie erfuhr dieser Weg auch seine Belohnung.

Auch wenn die sportliche Aussagekraft dieses Vergleichs nicht überbewertet werden sollte: Freudvolle 80 Minuten samt sieben Tries kann den Österreichern niemand nehmen. Und auch der Anhang atmete angesichts des Endes der einjährigen Niederlagenserie auf: etwa 500 Menschen gingen positiv gestimmt nach Hause. Ein harmonischerer Start für eine neue sportliche Leitung ist kaum vorstellbar. (Michael Robausch, derStandard.at - 19.10. 2013)

Rugby, Europäischer Nationencup, Gruppe 2C

Österreich - Bulgarien 58:14 (27:7)

Österreich - Tries: 7, Conversions: 4, Penalties: 5.

Bulgarien - Try: 1, Penalties: 3.

Aufstellungen und technische Details

  • Vormarsch war meist das Motto der österreichischen Rugbyaner gegen Bulgarien.
    foto: nadine studeny

    Vormarsch war meist das Motto der österreichischen Rugbyaner gegen Bulgarien.

  • Coach Philipp Stevenson beim ersten Sieges-Interview.
    foto: robausch

    Coach Philipp Stevenson beim ersten Sieges-Interview.

  • Auch Vienna-Legende Karl Decker hatte seine Freude.
    foto: robausch

    Auch Vienna-Legende Karl Decker hatte seine Freude.

Share if you care.