Rosa Morgenrot, so ernst

Kommentar der anderen18. Oktober 2013, 19:09
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Ohne den STANDARD wäre die ohnehin dürre Medienlandschaft in Österreich noch karger. Den Konkurrenzblättern und der öffentlichen Debatte hat seine Gründung gutgetan. Eine Außensicht.

Wie stünde es um die mediale und politische Kultur der Republik, hätte sich Oscar Bronner vor 25 Jahren nicht mit dem STANDARD auf Österreichs mediales Distelfeld gewagt? Ohne das rosa Blatt wäre die beängstigend enge Medienwelt des Landes noch ärmer. Doch überdies existierten wohl auch konkurrierende Blätter ohne den STANDARD heute nicht mehr, und der Widerhall des gesellschaftlichen Diskurses wäre dünner, brüchiger.

Wen würde der STANDARD umbringen, war die brennende Frage, als er 1988 erstmals erschien. Den Kurier etwa, diese damals armselige, krause Existenz zwischen verzagt bürgerlicher Seele und grell boulevardesker Gestalt? Die Presse vielleicht, diese sich damals als Mutter aller Seriosität dünkende, grabeslangweilige, reaktionäre Hauspostille eines undurchsichtigen wirtschaftsklerikalen Komplexes? Im alten Fahrwasser wäre beider Untergang unabwendbar gewesen.

DER STANDARD  hat - außer dem siechen Parteiblatt Arbeiterzeitung - niemanden umgebracht, sondern Eigentümer, Redaktionen und Publikum herausgefordert. Aufgeschreckt entwanden sie sich der tödlichen Lethargie, die den öffentlichen Diskurs zu ersticken drohte. Die insgesamt lahmende öffentliche Debatte zog an, befeuert von der neuen Stimme.

Die bloße Existenz also des STANDARD  hat auf Medien und Leserschaft disziplinierend, zeitweilig elektrisierend gewirkt, ein kolossaler Effekt weit über seine eher betuliche Machart hinaus. Dass sich, beispielhaft im "Lichtermeer", immer größere Teile der Gesellschaft endlich der eigenen Geschichte und der nationalen Schieflage zu stellen begannen, war auch dieser neuen, aufklärerischen Stimme geschuldet. Sie hat eine wahrhaft historische Wende herbeizuführen geholfen.

Österreichs Gesellschaft ist in die Meinungsfreiheit vernarrt, interessiert sich hingegen kaum für Informationsfreiheit. Da plötzlich differenziert der STANDARD  unverhofft zwischen Fakten und ihrer Deutung. Nennen wir als Kontrast jenes Massenblatt, das sich als Krone der publizistischen Kunst begriff und begreift, das als Zentralorgan des "gesunden" Volksempfindens gleichzeitig die Leserschaft von Stürmer und Prawda zu einer homogenen Knetmasse zu verschmelzen suchte. Dessen Duktus von rachsüchtigem Gezeter oder schleimiger Hagiografie ließ keine moderate, gar distanzierte Mittellage zu und war durchaus repräsentativ für die Mehrheit der gedruckten Periodika. Rühmliche Ausnahme damals: die oft zu Unrecht verachtete Wiener Zeitung.

In diesem Land kennt damals wie heute jeder die Kolumnisten, fast niemand aber könnte einen großen Reporter, eine große Reporterin nennen, als gäbe es sie nicht. Auch der STANDARD  zollt bis heute der österreichtypischen Meinungslastigkeit Tribut. Mit Fremdkommentaren stärkt er dabei auch die eigene Kompetenz, was bei anderen Redaktionen Schule machen sollte. Mehr bemüht zwar um Mäßigung, Differenzierung, bewertungsferne Darstellung, bietet selbst dieses Blatt bis heute keinen Platz für regelmäßige große Reportagen, kaum Platz für die Kunst der sensiblen Schilderung, die mit Fakten und Stimmungen im Idealfall kommentierende Bewertungen überflüssig macht.

DER STANDARD  bemächtigte sich auch der eigenen, der Medienbranche, als Berichterstattungsgegenstand. Dem Publikum das alltägliche Menü an Blattsalat nebst politischer Ranküne im Hintergrund auseinanderklauben? Natürlich unterlagen öffentlich-rechtlicher Rundfunk und TV stets dem scharfen Meinungsgericht der Druckmedien. Aber deren Befindlichkeiten untereinander professionell zu bewerten? Unerhört damals.

Rosarot, rosarot - nur einmal erschien das Blatt aus Reklamegründen blassblau - war so manchem Bürger ideologisch verhasst, erprobte der STANDARD doch so etwas wie Liberalismus im an Ständen und Klassen orientierten Österreich. Anderen diente die Farbe zeitweilig als Statussymbol, als Unterpfand von Weltoffenheit. Austrias Medien verquälen sich seit je mit einem zwanghaften, albernen Österreichbezug, geht es um Themen aus der Fremde. TV, Zeitungen, Magazine - nur das Radio war immer Ausnahme - warten alsbald mit einem lächerlichen Detail auf, das von einem Österreicher erdacht, hergestellt oder montiert worden ist, um damit die Behandlung des Themas zu begründen.

Sonderseiten wie "Crossover" und die anfangs provokative Platzierung der internationalen Politik vor der austriakischen Nabelschau stellte der STANDARD demonstrativ gegen die Unlust der Österreicher, den Blick in die Weite zu wagen, wenn nicht irgendwelche Schmeicheleien fürs eigene Selbstbild dabei herauskämen. Heute aber wirkt die Platzierung provinziell. Desgleichen, wenn die Politik der Hauptstadt Wien im Ressort "Chronik" verhandelt wird.

Auch der STANDARD altert. Der frische Windstoß im Blätterwald, der frische Enthusiasmus für respektablen Tagesjournalismus ging im Streben nach sonst so rarer Seriosität alsbald in eine Art überseriösen, naseweisen Frühernst über. Folgerichtig gebricht es ihm an Humor, wie den meisten Konkurrenten in der österreichischen Druckbranche. Das tägliche "Einserkastl" auf Seite eins oder regelmäßige satirische Gesprächsfiktionen belegen mehr das verlegene Eingeständnis dieses Mangels, als dass da was zündete. So etwas wie heitere, verschmitzte Distanz zur eigenen Position gelingt nicht. Ein Paradox just in Wien, wo aus dem Politsumpf witzträchtige Köpfe nur so sprießen. Österreich, dieses Königreich des Uneigentlichen - will der STANDARD vielleicht so dem institutionalisierten Unernst entkommen, wo so oft noch das Übelste als eigentlich nicht so bös gemeint relativiert wird? Hier, just auch im STANDARD, vermag begrifflich ohnehin nicht jeder zwischen Ironie und Zynismus zu unterscheiden. Da verdampfen heitere Distanz, Ironie und Selbstironie in der Besorgnis, für einen Zyniker gehalten zu werden.

Intelligente Leser

Einst ging das böse Wort um, die Nationalsozialisten hätten in Österreich nicht nur die guten Zeitungen verboten, die großen Journalisten ermordet, sondern gleich auch die dreihunderttausend intelligenten Leser mit umgebracht. Zum Zeitpunkt des ersten Erscheinens dieser Zeitung schien das vielen ob der Mediensituation Verzweifelnden noch schlüssig. Den Gründern des STANDARD war es aber den Nachweis wert, dass es sehr wohl die intelligenten Leser für eine intelligente Zeitung gäbe.

Heute ist Bronners Kreation nicht die einflussreichste, aber die wichtigste Zeitung des Landes. Das Auslandsecho spricht für sich. Dass man aber bei der Gründung als finanziellen Konfidenten für die rosarote, aufklärerische Morgenröte am publizistischen Horizont Österreichs ausgerechnet den deutschen Springer-Verlag gewann, der damals den Ruf genoss, größter Feind jedweder Aufklärung zu sein - vielleicht gehört das in die Kategorie des verlegerischen Geniestreichs.

Und die guten Wünsche für die Zukunft des STANDARD? Mut für mehr aufregende Ungereimtheiten. (Michael Frank, DER STANDARD, 19.10.2013)

Michael Frank (66) kam 1986 als Österreich-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" nach Wien, wechselte 1992 nach Prag und kehrte sechs Jahre später wieder nach Wien zurück, wo er bis 2012 "SZ" -Korrespondent war. In seinem Erzählband "Alles Wien" beschrieb er seine Eindrücke als Deutscher in Wien.

  • Schwerpunktausgabe 25 Jahre STANDARD

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  • Michael Frank berichtete für die "SZ" lange aus Wien.
    foto: der standard/regine hendrich

    Michael Frank berichtete für die "SZ" lange aus Wien.

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