Familienkrise an der Pleitenfront

19. Oktober 2013, 12:34
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Großpleiten holen Gläubiger-Schützer ins Rampenlicht: Alteingesessene Verbände laufen mit junger Konkurrenz auf hartem Pflaster um die Wette

Wien - Eine Insolvenz hat auch ih-re schönen Seiten. Zumindest für Gläubigerschützer, die das Rennen um die öffentliche Präsenz gewinnen. "Das war heute wirklich eine sehr gelungene und höchst erfolgreiche Aktion", streute sich der KSV in einem internen Mail im April selbst Rosen. Bisher sei rund um die Krise von Niedermeyer "nur der KSV in den Medien genannt" worden, und soeben werde Insolvenzexperte Hans Georg Kantner vom ORF interviewt, stand da zu lesen, gefolgt von einer herzlichen Gratulation an alle Beteiligten.

Kreditschützer haben Großeinsatz. Monströse Pleiten von Alpine bis Dayli lassen ihre Mitarbeiter heuer reihenweise Überstunden schieben. Und sie holten die Branche raus aus diskreten Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit ins Rampenlicht. Beobachter erzählen von Konkursexperten, die um die Wette aus Gläubigerausschusssitzungen laufen, um die neuesten Entwicklungen publik zu machen. Manch richterliche Verwarnung war schon die Folge, zumal nicht jeder Bieter gern seinen Namen in der Zeitung liest, noch ehe er überhaupt sein Anbot legte.

Insolvenzen erschüttern, vor allem wenn selbst große Konzerne vor dem Untergang nicht mehr gefeit sind und tausende Jobs auf dem Spiel stehen. In ihrem Kielwasser tummelt sich ein Heer von Masseverwaltern, flankiert von den vier Gläubigerschutzverbänden KSV, AKV, Creditreform und ISA; wobei Letzterer im Schatten der Arbeiterkammer allein Arbeitnehmer bedient. Und die Creditreform sehr zum Missfallen der zwei anderen, die einander seit 1924 als eingespielte Rivalen schätzen, erst vor sechs Jahren ins Geschäft einstieg.

Juristische Scharmützel

Der anfängliche Kleinkrieg und juristische Scharmützel rund um Kampfpreise der Newcomer, die kleine Forderungen kostenlos vor Gericht vertreten, sind mittlerweile vorbei. Persönliche Animositäten unter älteren und neuen Wortführern des Insolvenzgeschehens blieben. Sowohl der Alpenländische Kreditorenverband als auch die Creditreform beanspruchen in Österreich jeweils Platz zwei hinter dem Marktführer KSV 1870 vehement für sich. Und die publizierten Mitgliederzahlen nimmt man einander ohnehin nicht ab.

"Über Jahrzehnte war die Branche eine große Familie, ein akkordiertes Team", sagt der Chef der Creditreform, Gerhard Weinhofer. Kehre man von lieben Gewohnheiten und Erbpachten ab, gebe es eben immer helle Aufregung, ergänzt sein Prokurist Gerald Waffek, der auch als Sprecher des Inkassoverbands tätig ist. Der stärkere Wettbewerb habe die Kosten für Gläubiger wie Schuldner freilich gesenkt und den Zugang zum Gericht erleichtert. Lediglich die drei Verbände müssten sich seither mit weniger Geld aus der Konkursmasse zufriedengeben.

Eine politische Entscheidung habe der Creditreform ihre Bevorrechtung verschafft, monieren andere. Klar sei der Preisdruck nun höher, sagt KSV-Experte Kantner. "Aber bleibt da nicht etwas auf der Strecke? Und warum braucht es auf Baustellen drei Kräne, wenn zwei genügen?" Je weniger Partner verhandelten, desto konstruktiver sei das Ganze. Vermehrter Wettbewerb habe vielmehr zum "Gerangel um den ersten Platz in den Medien geführt". Zudem gingen Insolvenzverfahren nur die betroffenen Parteien etwas an. Stattdessen trug man vertrauliche Information nach außen, die dafür nicht bestimmt war, ärgert sich Kantner.

"Bei mehreren Tausend betroffenen Beschäftigten und Gläubigern sind Pleiten von öffentlichem Interesse, ich bin daher für Transparenz", hält Weinhofer dagegen, "es darf nicht der Eindruck entstehen, dass hinter verschlossenen Türen gemauschelt wird."

KSV, AKV und Creditreform bedienen einen Markt von rund 6000 Pleiten und 40.000 Gläubigern im Jahr. Die Zahl der Konkurse stagniert. Das Tempo, in denen Kunden rund um die Uhr über Bonitäten, Pleiten und Inkasso am Laufenden gehalten werden wollen, steigt, erläutert Hans Musser, Chef des AKV, der selbst lieber im Hintergrund arbeitet. Von Insolvenzdienstleistung allein könne man nicht leben, sind sich er und Kantner einig: Es gehöre eine flächendeckende Infrastruktur erhalten, Bis zu 40 Prozent der Mitarbeiter seien Akademiker - entsprechend hoch die Lohnkosten. Ohne Zubrot wie Inkasso, Wirtschaftsauskünfte und Beratungen wäre das nicht möglich, resümiert Musser.

Kultur der Sanierung

Kreditschutzverbände sind gesetzlich dazu verpflichtet, Gläubigerinteressen zu bündeln und zu schützen. Sie unterstützen die Gerichte, sorgen für straffe Verfahren und sind in dieser Form international eine österreichische Spezialität. Die hohe Sanierungskultur hierzulande suche europaweit ihresgleichen, sagt Kantner: 35 Prozent aller Firmeninsolvenzen mündeten in Sanierungsplänen. Die Verfahren dauerten mit im Schnitt 1,9 Jahren halb so lang als in Deutschland. "Viele ausländische Experten bekommen hier große Augen."

Gewinnorientiert dürfen KSV, AKV und Creditreform nicht sein. Pflicht ist auch die Organisation als Verein. KSV und Creditreform haben ihre gewerblichen Tätigkeiten wie Inkasso klar gesellschaftsrechtlich getrennt. Entlohnt werden sie über Beiträge der Mitglieder, Gläubigergebühren und übers Gericht. Je höher die Quote aus der Konkursmasse, desto mehr verdienen Insolvenzverwalter. Zehn bis 15 Prozent davon geben sie an die Verbände weiter, die den Anteil unter sich aufteilen. Zahltag ist oft erst Jahre nach einer Pleite.

Es sei gut, wenn man einander kennt, schließlich müssen Gläubigerschützer für rasche Entscheidungen kurzfristig zur Verfügung stehen, sagt der Linzer Masseverwalter Rudolf Mitterlehner, aktuell mit dem Fall Dayli betraut.

Eine laute Stimme hat die Branche in wirtschaftspolitischen Fragen, zuletzt ertönte diese rund um die GmbH light. Genutzt hat ihre Kritik nichts, die billigere Firmengründung erhielt grünes Licht. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 19.10.2013)

  • Die Stimmen der Gläubiger: KSV-Experte Kantner ...
    foto: conspectra unternehmensberatung

    Die Stimmen der Gläubiger: KSV-Experte Kantner ...

  • ... Creditreform-Chef Weinhofer
    foto: creditreform

    ... Creditreform-Chef Weinhofer

  • ... und AKV-Geschäftsführer Musser
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    ... und AKV-Geschäftsführer Musser

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