"Dreck unter den Teppich gekehrt wird immer"

18. Oktober 2013, 17:03
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Emanuel Derman kritisiert den Umgang mit physikalischen Modellen an der Börse und plädiert für mehr Haftung

Wien - "Es war Kosmetik statt Korrektur." Für Emanuel Derman ist klar, dass kaum die richtigen Lehren aus der Finanzkrise gezogen wurden, die 2008 das Bankensystem in seinen Grundfesten erschüttert hat. Mit den "kosmetischen Änderungen" kann Derman als Freund harter Zahlen aber wenig anfangen. Er ist ein "Quant".

Der gebürtige Südafrikaner hat 1973 über theoretische Teilchenphysik an der Columbia University promoviert. Sein mathematisches und technisches Verständnis hat er nicht für die Erforschung von Atomen, sondern an der Wall Street eingesetzt. Dort bauen die "Quants" genannten Physiker und Mathematiker Modelle, um die Preise von Wertpapieren zu berechnen oder das Risikomanagement in einer Bank zu verbessern. Derman arbeitete ab 1985 bei der Investmentbank Goldman Sachs und entwickelte dort etwa eine Berechnung von Anleiheoptionen. Heute ist er Professor an der Columbia und unterrichtet Financial Engineering.

Die blinde Anwendung von Modellen führe aber in die Katastrophe, warnt Derman in seinem aktuellen Buch Models. Behaving. Badly. So haben Ratingagenturen, Investmentbanken und Fondsgesellschaften jahrelang komplexe Hypothekenpapiere mithilfe der Copula-Formel bewertet, ohne gutes theoretisches Fundament. "Die Wirtschaftswissenschaft ist auf Irrwege geraten. Sie wurden von der Mathematik und der Physik verführt." Daran habe sich auch mit der Krise nichts geändert.

Aktie und kein Wasserdampf

Modelle arbeiten immer mit Analogien, betont Derman. Die Finanzingenieure der Investmentbanken tun etwa so, als würden sich die Preise von Aktien wie Wasserdampf verhalten oder Pleiten bei Krediten wie die Ausbreitung von Wellen. Denn nur dann lassen sich die ständig schwankenden Finanzmärkte in das enge Korsett von Modellen zwängen: "Mit solchen Modellen wird aber immer Dreck unter den Teppich gekehrt", kritisiert Derman im Standard-Gespräch. Annahmen über menschliches Verhalten wie Panik und Gier werden mithilfe wenig eleganter Annahmen oft ignoriert.

Dabei kommt der kritiklose Einsatz komplexer Modelle nicht von ungefähr, warnt Derman. "Finanzmodelle sind ein tolles Verkaufsargument, weil sie den Schein von Wissenschaftlichkeit geben", sagt Derman. Es sei immer wieder ein Problem, wenn nicht die Finanzingenieure, sondern Verkäufer die Modelle benutzen. "Als Marketingwerkzeug sind quantitative Modelle gefährlich."

Derman lobt aber einige Finanzmarktakteure, die es verstanden haben, Modelle nur mit der gebotenen Skepsis zu verwenden: "Bei Goldman haben viele Quants gearbeitet. Doch die meisten, die ich dort kennengelernt habe, waren schlau genug, die Modelle nicht zu ernst zu nehmen und auch ihrem Instinkt zu vertrauen."

Genauso sei die Branche der spekulativen Hedgefonds besser als ihr Ruf: "In einem gewissen Sinn sind die Hedgefonds weniger gefährlich als klassische Banken. Sie spielen schließlich nur mit dem Geld ihrer Kunden, große Institute aber zocken mit öffentlichen Mitteln." Denn Einlagen bei Banken sind versichert, und die Staaten haben viele Institute in der Krise retten müssen, während Hedgefonds - und ihre Anleger - reihenweise umgefallen sind. "Das Beste für das Finanzsystem wäre, wenn Institute wie Hedgefonds pleitegehen können. Nur das zwingt sie, wirklich vorsichtig zu sein. Dieser Anreiz ist besser als jedes Risikomodell." Im Vergleich seien etwas höhere Kapitalpuffer oder strengere Regeln für Bonuszahlungen "nicht mehr als kosmetische Änderungen".

Die neuen Eigenkapitalregeln - Basel III - gehen aber diesen Weg. Mithilfe neuer Kennzahlen sollen die Risiken von Banken genauer gemessen werden. "Wir konzentrieren uns zu sehr auf Optimierung. Dabei brauchen wir immer einen Sicherheitspolster, weil wir uns mit Modellannahmen irren können", mahnt Derman. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 19.10.2013)

Emanuel Derman: "Models. Behaving. Badly.", 23,60 Euro, 272 Seiten, Hoffmann und Campe 2013

  • Zahlenskulpturen im Londoner Finanzzentrum zeigen, wie wichtig die Mathematik an der Börse ist. "Quant" Emanuel Derman kritisiert aber die Modellgläubigkeit.
    foto: reuters/ho

    Zahlenskulpturen im Londoner Finanzzentrum zeigen, wie wichtig die Mathematik an der Börse ist. "Quant" Emanuel Derman kritisiert aber die Modellgläubigkeit.

  • Derman: "Bei Goldman haben viele Quants gearbeitet. Doch die meisten, die ich dort kennengelernt habe, waren schlau genug, die Modelle nicht zu ernst zu nehmen und auch ihrem Instinkt zu vertrauen."
    foto: hoffmann & campe

    Derman: "Bei Goldman haben viele Quants gearbeitet. Doch die meisten, die ich dort kennengelernt habe, waren schlau genug, die Modelle nicht zu ernst zu nehmen und auch ihrem Instinkt zu vertrauen."

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