"Es war ein Fehler, im Internet alles gratis anzubieten"

Interview18. Oktober 2013, 17:51
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Springer, das größte Verlagshaus in Europa, investiert verstärkt in digitale Medien - Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner ist überzeugt: Wenn die Qualität stimmt, sind die Leser bereit, auch für Online-Angebote zu bezahlen

STANDARD: Lesen Sie morgens noch Papierzeitungen?

Döpfner: Auf dem Weg zur Arbeit blättere ich 14 verschiedene durch und lese jene Artikel, die mein Interesse wecken. Da unterscheidet sich die Rolle der Zeitung nach wie vor von der gezielten Informationssuche im Netz. Man lässt sich eben gerne überraschen.

STANDARD: Sie könnten sich auch nur online überraschen lassen.

Döpfner: Die Zeitung hat schon ihre Reize. Der Lesefluss auf einer großen Seite ist schneller als das Hin- und Herscrollen auf einem Bildschirm oder das Größerziehen am Tablet. Ich brauche zudem keine Batterie und muss nichts extra einschalten. Auch den Geruch der Zeitung mag ich.

STANDARD: Dennoch hat sich der Springer-Verlag von Traditionstiteln getrennt und investiert stärker im Digitalbereich.

Döpfner: Lesegewohnheiten ändern sich. Meine Kinder etwa haben eher ein sinnliches Erlebnis beim Anfassen eines Smartphones als beim Aufschlagen der Papierzeitung. Ich sehe zwar noch eine jahre-, wenn nicht jahrzehntelange friedliche Koexistenz von Print und Online, denn auch mit Papier wird man weiterhin Geld verdienen können. Aber es bringt dennoch nichts, die Papierzeitung verbissen zu verteidigen.

STANDARD: Die "Hörzu" und das "Hamburger Abendblatt" gehörten zu den ersten Gründungen von Axel Springer nach dem Zweiten Weltkrieg. Hat der Verkauf an die Funke-Gruppe nicht wehgetan?

Döpfner: Das war schmerzhaft. Das Herz sagte Nein, der Verstand aber Ja. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir sicher sind, dadurch generell mehr zur Zukunftssicherung des Journalismus beitragen zu können. Denn die Herausforderung der Zukunft ist: Wie können wir das Prinzip Zeitung auf allen Vertriebskanälen erfolgreich machen? Und zwar Print und elektronisch. Wir müssen weg von diesem Entweder-oder.

STANDARD: Was muss sich dafür im Internet ändern?

Döpfner: In den ersten 15 Jahren musste alles möglichst schnell verfügbar sein. Jetzt wird Qualität immer wichtiger. Es macht also Sinn, bei wichtigen Ereignissen mit der Analyse vielleicht eine Stunde später hinauszugehen und dann aber wirkliche Qualität zu bieten. Die Leserinnen und Leser vertrauen ja gut eingeführten Medienmarken.

STANDARD: Abgesehen von der Schnelligkeit und dem billigen Vertrieb - welche Vorteile von digitalen Medien sehen Sie noch?

Döpfner: Mehr Möglichkeiten für direktes Feedback der Leserinnen und Leser. Sie sehen einen Fehler oder wollen uns auf etwas aufmerksam machen und melden sich. Das geht rascher als der traditionelle Leserbrief. Und natürlich bieten digitale Medien mehr Platz - nicht nur für die klassischen Geschichten, sondern auch für zusätzliche Videos und Grafiken.

STANDARD: Muss der Journalist der Zukunft alles können?

Döpfner: Nein, das Internet schaltet nicht alle gleich. Gute Medien brauchen mehr denn je Journalisten, die recherchieren, bewerten und analysieren. Videos und Grafiken machen auch künftig jene, die dafür ausgebildet sind.

STANDARD: Es gibt allerdings einen großen Wermutstropfen: Viele Menschen wollen für digitale Inhalte nichts bezahlen.

Döpfner: Es war ein großer Fehler, im Internet anfangs alles gratis anzubieten. Aber den haben ja alle Verlage kollektiv gemacht. Mittlerweile sind in den USA mehr als 50 Prozent der relevanten Medien mit Abomodellen ausgestattet, die anderen bereiten sich darauf vor.

STANDARD: In Deutschland wie in Österreich trauen sich viele nicht an die Online-Bezahlschranke.

Döpfner: Ein schreckliches Wort. Es erinnert an Grenzen und schlecht gelaunte Zöllner. Wir sollten es als das bezeichnen, was es ist: ein Abo. Dafür gibt es einen Verkaufspreis wie bei der Zeitung.

STANDARD: Von Online-Inhalten, die nur durch Werbung finanziert werden, halten Sie nichts?

Döpfner: Ich möchte nicht, dass eines Tages Firmen wie Coca-Cola oder große Banken die Berichterstattung über sich selber organisieren. Qualitätsjournalismus braucht zwei Säulen: den zahlenden Anzeigenkunden und den zahlenden Leser. Das gilt für Online wie für Print. Die Leser erkennen auch immer mehr, dass verantwortliche Absenderschaft einen Wert darstellt. Das ist etwas anderes, als wenn jemand im Netz Gerüchte und Fakten vermischt.

STANDARD: Online-Leser der "Bild"-Zeitung müssen seit einigen Wochen bezahlen. Wie viele tun das?

Döpfner: Zahlen veröffentlichen wir frühestens nach einem halben Jahr. Es zeichnet sich ab, dass "Bild Plus" gut ankommt. Da zahlen Sie 4,99 Euro im Monat und haben Zugriff auf relevante Artikel. Nicht so erfolgreich, wie wir gedacht haben, ist jenes Modell, bei dem man die Bild-Zeitung dazubekommt. Wer sich für das digitale Produkt entscheidet, will offenbar das Papier nicht. Mit digitalen Abos für die Welt haben wir vor Weihnachten 2012 begonnen. Bis jetzt wurden 50.000 verkauft, pro Tag generieren wir mittlerweile mehr digitale als Printabos.

STANDARD: Sie haben sich in Österreich 2011 vergeblich um die Anteile der heutigen Funke-Gruppe an "Krone" und "Kurier" bemüht. Was reizt Sie daran?

Döpfner: Ich finde den österreichischen Medienmarkt sehr interessant. Die Österreicher sind gebildet, lesen viel Zeitung. Viele Neuerungen wie News kamen von dort. Und vor der publizistischen Lebensleistung von Oscar Bronner haben ich großen Respekt.

STANDARD: Bleiben Sie hartnäckig?

Döpfner: Natürlich gilt: Sag niemals nie. Aber aktuell steht nichts an. Man muss auch wissen, wenn etwas nicht geht. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 19.10.2013)

Mathias Döpfner (50) war von 1996 bis 1998 Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", dann bis 2000 Chefredakteur der "Welt". Danach wechselte er in den Vorstand des Axel-Springer-Verlags, seit 2002 ist er Vorstandsvorsitzender.

  • Springer-Chef Mathias Döpfner sieht noch kein Ende der Papierzeitung.
    foto: springer / paulus ponizak

    Springer-Chef Mathias Döpfner sieht noch kein Ende der Papierzeitung.

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