Thomas Mayer: Guten Tag, mein Name ist Oscar Bronner

18. Oktober 2013, 17:49
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Eine aufgekratzte, (unternehmungs)lustige bunte Truppe

Am Anfang gab's viele Steirer. Dann noch eine Partie, die vom "Falter" kam, eine andere von der APA. Ein paar hatten das Drucken beim Vorwärts gelernt. Dazwischen viele Individualisten - insgesamt 50 Leute. Als Ex-"Falter"-Mann, der via "Profil" von Graz nach Wien zum "Maturantenblattl" wechselte (so höhnten die etablierten Journalisten in Wien), kannte ich sogar relativ viele der neuen Kollegen. Auch mein Bruder Norbert Mayer war dabei.

Eine aufgekratzte, (unternehmungs)lustige bunte Truppe. Alles ging schnell. In den ersten Tagen waren wir vor allem mit dem Kennenlernen beschäftigt. War auch nötig, wie sich gleich bei der ersten Redaktionsversammlung zeigte. Oscar Bronner stieg im Produktionsraum auf einen Stuhl, um uns u. a. darüber aufzuklären, dass die "New York Times" unser Vorbild sei. Er hatte kaum zu sprechen begonnen, da unterbrach ihn Frau Koglmann, eine Grafikerin, die direkt vor ihm stand: "Wer sind Sie überhaupt?" "Verzeihung, mein Name ist Oscar Bronner", gab der Gründer zurück.

Eine legendäre Radiowerbung für den STANDARD war geboren. Jahrelang fuhr ich in der Früh in die Redaktion und hörte kurz vor den Nachrichten den Chefredakteur: "Guten Tag, mein Name ist Oscar Bronner!" Und Sätze wie: "Schlechte Recherche ist nicht mehr der Standard." So begann der Arbeitstag. Es ging im ersten Redaktionshaus ab 1. September 1988 locker zu. Tagsüber übten wir in Maria am Gestade Nr. 1 das Tageszeitungmachen, abends ging es im Café vis-à-vis weiter. Alles schien möglich. Ich war Innenpolitik-Redakteur, auch für Unis zuständig, kannte noch gut das Problem, dass man sich als Student ein Zeitungsabo kaum leisten konnte.

Das gab's damals nur mit Jahresbindung, zum vollen Preis. Warum eigentlich? Eben, sagten wir in unserer WG. Ich schlug Bronner vor, zum Start ein Studentenabo anzubieten. Nicht gratis, aber fair: "33 Ausgaben für 99 Schilling." Er ließ uns machen. Ein paar Dutzend Freunde verteilten die Bestellkarten, klebten Plakate. Das Ur-Studentenabo lief supergut. 15.000! Die Konkurrenz tobte. Dank zigtausender Leser konnten wir noch Hochschulberichterstattung machen; das erste Uni-Ranking. Jung, neugierig, aufsässig, hungrig, offen fürs Neue. Das war's. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 19./20.10.2013)

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    foto: standard/cremer

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