Was tun, wenn sich die Tochter verloren hat?

Kolumne20. Oktober 2013, 17:00
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Wenn Heranwachsende plötzlich in einer Krise stecken und die Depression zu ihrer Identität wird, verzweifeln viele Eltern - Dabei können sie viel tun

Eine Leserin schreibt:
Vor einigen Monaten wurde unsere 19-jährige Tochter ganz plötzlich depressiv. Sie war immer stark und unabhängig - fast eine "Pippi". Sie, ihr Bruder und ihre Schwester hatten immer den Raum und die Möglichkeit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Unsere Tochter ist schön, intelligent und gut in der Schule. Sie wusste, was sie will, seitdem sie 14 war. Es war ein großer Schock für uns, wie sie von einem Tag auf den anderen plötzlich so deprimiert wurde und mir auch erzählte, dass sie an Selbstmord denkt. Sie fühlt sich, als ob sie nicht mehr weiß, was sie tun soll. Sie glaubt, alles falsch zu machen und schlecht zu sein. Wir als ihre Familie sehen das gar nicht so. Deshalb sind wir als ihre Eltern und Geschwister verwirrt und hilflos.

Sowohl sie als auch ihre beiden jüngeren Geschwister (15 und 17 Jahre) leben bei uns zuhause. Ich arbeite im Gesundheitswesen und mein Mann hat einen Bauernhof. Wir haben noch nie große Probleme oder Konflikte mit unseren Kindern erlebt. Natürlich gab es immer wieder Streitigkeiten, Höhen und Tiefen, aber wir haben immer alle gemeinsam daraus gelernt.

Seit dieser Depression sind wir mit unserer Tochter bei einem Arzt, der ihr Antidepressiva verschrieben hat und sie ist bei einem Psychologen, bei dem sie regelmäßig Sitzungen hat. Mein Mann macht jeden Tag einen langen Spaziergang mit ihr und wir reden viel miteinander. Es dauert nun schon vier Monate und wir alle sind sehr verstört. Das Schlimmste dabei ist, dass wir alle Angst um sie haben, auch Angst davor, dass sie sich tatsächlich das Leben nimmt. Deshalb hat die ganze Familie unentwegt ein Auge auf sie und wir Eltern fragen uns, was wir wohl falsch gemacht haben.

Ich wäre Ihnen dankbar für ein paar gute Ratschläge!

Jesper Juul antwortet:
Basierend auf Ihrer Beschreibung gibt es mehrere Optionen. Ich glaube nicht, dass die Erklärung in der Beziehung zu Ihrer Tochter liegt. Es scheint nicht, als ob Sie sie schon immer beschützt hätten oder dass sie die Rolle "der perfekten Prinzessin" in der Familie hatte.

Soweit ich das beurteilen kann, steckt Ihre Tochter in einer "Lebenskrise". Das bedeutet nicht, dass diese Krise durch einen Verlust (etwa einen Todesfall oder eine lebensbedrohliche Krankheit in der Familie) oder ein Trauma (etwa eine Scheidung oder Missbrauch) ausgelöst wurde. Damit gibt es auch keine bestimmte "Sache", die Sie oder andere identifizieren könnten. Auf der einen Seite ist das natürlich eine gute Nachricht, andererseits verstärkt das die Hilflosigkeit aller involvierten Personen.

Lebenskrise aus heiterem Himmel

Unter dem Begriff "Lebenskrise" verstehen wir eine existentielle Krise. Wie gesagt kann diese durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst werden, sie kann aber auch oft wie der Blitz aus heiterem Himmel auftauchen. Was passiert ist, ist, dass Ihre Tochter plötzlich "sich selbst" (oder besser ihr Sein) verloren hat. Sie weiß nicht, wer sie ist, was sie will, was wichtig oder unwichtig ist. Was sie mag oder nicht mag. Wer sich seiner selbst sicher ist, kennt seine Schwächen und Stärken, seine Sympathien und Antipathien. Ihre Tochter fühlt sich jetzt plötzlich leer und nackt, ohne eine Identität.

Etwas Ähnliches passiert oft als natürliche Phase der Pubertät und in der Regel führt das zu dramatischen Konflikten mit Eltern und Geschwistern. Ihre Tochter war in vielerlei Hinsicht immer von innen geführt. Sie wusste, was sie wollte und Sie haben sie als Eltern ausreichend einfühlsam und flexibel begleitet. Was ihr die Möglichkeit gab, ihre Wünsche und Träume ohne einen Machtkampf mit anderen zu realisieren.

Den Kontakt verloren

Sie hat im Grunde immer kluge und vernünftige Entscheidungen getroffen. Deshalb hatte sie auch immer Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung. Ihre Tochter wird vermutlich auch bestätigen, dass sie "sich selbst verloren" hat, so wie Sie sie jetzt auch wahrnehmen. Nun hatte sie das Privileg, in einem Dreieck sein zu können: Sie hat sich selbst als einen Punkt empfunden, ihre Eltern als zweiten und ihr Netzwerk als dritten Punkt. Nun hat sie einen Punkt verloren. Das ist ihr nicht nur völlig fremd, sondern es ist auch schrecklich unbehaglich.

Tatsächlich hat sie sich aber nicht selbst verloren. Sie hat "nur" den Kontakt zu sich verloren und fühlt sich vorübergehend wie gelähmt. All ihre Talente, Erfahrungen, Ziele und Träume existieren noch, aber sie kann sie nicht fühlen und deshalb auch nicht verwenden. Das ist ein sehr ernster und dramatischer Verlust für eine junge Frau, die immer wusste, was sie wollte, konnte und fühlte.

Die Depression als Identität

Die Frage ist nun natürlich, was Sie und andere tun können, um ihr zu helfen. Die erste Frage bezieht sich auf den Psychologen oder Arzt. Bei einem Psychologen ist es wichtig, dass die "Chemie" stimmt und dass er in der Lage ist, Ihrer Tochter zu vermitteln, dass er den Schlüssel zu ihrem Wohlbefinden hat. Ihre Tochter braucht einen externen Gesprächs- oder Sparringpartner, der geduldig und bereit ist, sie in ihrem Tempo zu führen. Ein Gespräch pro Woche über das nächste Jahr wird optimal sein.

Wenn ihr Arzt ein modernes Antidepressivum verschrieben hat - wir nennen es im Volksmund "Happy Pills" - und es nach drei bis fünf Wochen nicht oder nur ein wenig hilft, dann braucht es eine medikamentöse Alternative. Oder Sie ziehen sogar die Möglichkeit gar keiner Medikamente in Betracht.

Da Ihre Tochter ihre Identität verloren hat, ist nun die Depression ihre ganze Identität. Es ist wichtig, dass das Gleiche nicht Ihnen und den Geschwistern passiert. Sie müssen immer daran denken, dass Ihre Tochter viel mehr ist als eine Depression. Obwohl das sehr schwierig ist, müssen Sie alles versuchen, um zu verhindern, dass die Depression Ihrer Tochter zu Ihrem "Projekt" wird. Sie braucht Ihre Zuwendung und Fürsorge, aber seien Sie vorsichtig, dass Sie sich nicht zu sehr darin verlieren.

Geduld und Integration sind der Schlüssel

Natürlich braucht sie auch Ihr Verständnis und Ihre Empathie, aber es sollte nicht so sein, dass Sie Ihr eigenes Leben auf Stand-by schalten, bis ihre Tochter sagt, dass es ihr besser geht. Ich verstehe Ihre Angst, dass Ihre Tochter sich das Leben nehmen könnte. Mein Vorschlag ist deshalb, dass Sie Ihr einen "Deal" anbieten: Ihre Tochter soll ihre Gedanken über einen Selbstmord mit Ihnen oder dem Psychologen teilen, sobald sie auftauchen, und bevor sie weitere Schritte plant. Ich weiß, dass das ein wenig grob erscheint, aber es schafft in der Regel viel Sicherheit auf beiden Seiten.

Ansonsten sind die Schlüsselwörter jetzt Geduld und Integration. Vielleicht ist es nächste Woche vorbei oder vielleicht dauert es noch viele Monate. In dieser Zeit müssen Sie lernen, Ihre eigene Hilflosigkeit und Verzweiflung zurückzuhalten und Ihr eigenes Leben zu leben, damit diese Gefühle nicht auch Ihr Leben zum Stillstand bringen. Glauben Sie an Ihre Tochter - wie Sie es immer getan haben - und vertrauen Sie darauf, dass sie ihren eigenen Weg finden wird, um aus der Depression wieder zu sich zu kommen.

Oft ist es so, dass die Leserinnen und Leser dieser Kolumne über ihre Erfahrungen im Forum berichten. Obwohl die Menschen unterschiedlich sind, würde ich doch empfehlen, dass Sie diese Kommentare lesen. Vielleicht finden Sie ein Goldkorn! (Jesper Juul, derStandard.at, 20.10.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 3.11.2013.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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