Eine Zeitung als täglicher Funke

18. Oktober 2013, 17:51
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Sie sollte so aussehen, als hätte es sie schon immer gegeben - Inhaltlich aber wurden ganz neue Ansprüche formuliert - Für eine Zeitung, die bald mit internationalen Qualitätsmedien vergleichbar sein wollte

Österreich hatte im Jahr 1988 mit der Waldheim-Affäre zu kämpfen - und deshalb mit der Frage, wie wir mit den dunklen Zeiten des 20. Jahrhunderts umgehen. Auch journalistisch. Andererseits veränderte sich die Wirtschaft des Landes massiv. Das Ende der verstaatlichten Industrie und die Forcierung privater Unternehmensgründungen ließen auch im Osten Österreichs Potenziale erkennen, die eine Zeitung mit Qualitätsanspruch denkbar machten. Oscar Bronner erkannte diese Chance und realisierte seinen Plan, eine Wirtschaftszeitung zu gründen.

Nachdem österreichische Banken ihre Finanzierungszusagen unter erheblichem politischem Druck wieder zurückgezogen hatten, gelang ein Deal mit dem deutschen Springer-Verlag, der im Unterschied zum schwedischen Unternehmen Bonnier keine Mitsprache bei redaktionellen Fragen verlangte. Anfang Juli 1988 startete mit dem technischen Know-how von Springer die nur dreieinhalb Monate währende Aufbauarbeit - ab August mit Testausgaben für jeweils 200 Personen, die sich rasch dafür aussprachen, eine Vollzeitung auf den Markt zu bringen.

Der ursprüngliche Titel Wirtschaftsblatt verschwand, knapp vor dem offiziellen Erscheinungstermin wurde DER STANDARD als Titel fixiert. Andere Varianten wie Republik und Tagblatt schafften es bis zu Layoutentwürfen, an Delfin erinnern sich nur noch wenige.

Eines Tages im September rollte eine Layouterin Packpapier aus und schrieb mit breitem Filzstift "Der Funke" drauf. Irgendwie wurde die Funken-Idee nicht weiterverfolgt. Für viele in der Leserschaft war DER STANDARD aber genau das. Was war neu? Die erste Seite fungierte als Tableau der wichtigsten Nachrichten des Tages, voran die Exklusivgeschichten. Die letzte Seite präsentierte die Kommentare der Redaktion, damals wie heute den "Kopf des Tages" und als unverzichtbares Element einer Printzeitung die Karikatur. Pro-&-Kontra-Kommentare wurden schnell zu einem Markenzeichen des STANDARD. Auf der Seite davor wurden wie auf der Op-Ed-Page der "New York Times" "Kommentare der anderen" platziert.

Die internationale Politik wurde bewusst vor die österreichische Innenpolitik gestellt. Wirtschaft und Kultur erhielten eigene "Bücher". Auf den Wirtschaftsseiten konnte man nicht nur über Unternehmen und Finanzmärkte lesen, die Entwicklungen wurden auch aus der Sicht der Arbeitnehmer beleuchtet. Auf den Kulturspalten wurden Film, Fernsehen und Wissenschaft genauso wichtig wie die Hochkultur.

Das ALBUM, anfangs mit dem Schwerpunkt auf Literaturreportagen, Fotostrecken, Mode und Architektur, löste weitere redaktionelle und kommerzielle Innovationen aus. Das heutige RONDO stieg in Zentraleuropa zum erfolgreichsten großformatigen Beilagenprodukt für Mode, Design und Kosmetik auf. Die Beilage "Karrieren" spiegelte mit ihrer Umfangexplosion bei den Anzeigen die hohe Akzeptanz der Zeitung wider und trug sie bis nach dem 9/11-Terror 2001 auch über scharfe Klippen hinweg. Zum Beispiel über jene des Jahres 1995, als sich Springer zurückzog und Bronner einen Kredit zur Weiterführung benötigte. Berater der Bank Austria verbanden dies mit einem Putschversuch: Die Auswechslung der Chefredaktion und die Reduktion der Crew auf ein Drittel waren geplant. Doch der Kredit kam trotzdem, die Führung blieb im Amt.

1988/89 hatte die Redaktion nicht viel Zeit, sich für die sich anbahnende Dramatik der Weltpolitik zu rüsten, zumal der STANDARD ab Februar 1989 auch eine Samstagausgabe bekam.

Von Herbst 1989 bis Frühjahr 2000 ging es eigentlich Schlag auf Schlag - ein die Welt und Österreich veränderndes Jahrzehnt verlangte enormen journalistischen Einsatz und viel blattmacherische Schwerpunktsetzung. Stichworte: Fall der Berliner Mauer, Ende des Eisernen Vorhangs, Zerfall der Sowjetunion, erster Irakkrieg, der Hofburg-Brand mit der Bedrohung der Nationalbibliothek, die Jugoslawienkriege, der EU-Beitritt Österreichs und an der Wende zum neuen Jahrtausend die umstrittene schwarz-blaue Koalition.

All das wurde mit Beilagen vertieft, die Redaktionsführung begründete zusammen mit dem Guardian, El País und Libération den Beilagenpool "World Media" und war später beim Netzwerk "Project Syndicate" ein Geburtshelfer. Renommierte Autoren und Nobelpreisträger publizieren seit damals im STANDARD.

Eben hat eine neue Ära begonnen. 1995 war derStandard.at die erste deutschsprachige Webzeitung. Beide, Online und Print, im neuen Haus zusammengelegt, werden von Co-Herausgeberin und Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid geführt. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 19./20.10.2013)

  • Die Nr. 1 vom 19. Oktober 1988: Der erste STANDARD erschien offiziell an einem Mittwoch.
    foto: standard

    Die Nr. 1 vom 19. Oktober 1988: Der erste STANDARD erschien offiziell an einem Mittwoch.

  • Die erste Redaktionskonferenz am 19. Oktober 1988 mit (im Uhrzeigersinn) Oscar Bronner, Fritz Molden, Michael Hann, Gerfried Sperl, Hans-Georg Possanner, Josef Kirchengast und (verdeckt) Oliver Schopf.
    foto: profil/wobrazek

    Die erste Redaktionskonferenz am 19. Oktober 1988 mit (im Uhrzeigersinn) Oscar Bronner, Fritz Molden, Michael Hann, Gerfried Sperl, Hans-Georg Possanner, Josef Kirchengast und (verdeckt) Oliver Schopf.

  • Dann konnte auch schon losgelegt werden.
    foto: profil/wobrazek

    Dann konnte auch schon losgelegt werden.

  • Schwerpunktausgabe25 Jahre STANDARD

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