Der Drachenbauer: Wenn zwei Stäbe genügen

Ansichtssache23. Oktober 2013, 14:39
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Afghanische Flüchtlinge zeigen in Workshops Wiener Schülern wie Drachen gebaut werden - und erzählen über Flucht und Vertreibung

foto: mayr

Etwas Folie, zwei Stäbe, Zwirn, eine längere Schnur und 15 Minuten Zeit - Ali Mohammadi braucht nicht viel, um einen Drachen zu bauen. Anfang Herbst bis tief hinein ins Frühjahr würden die Kinder in seiner Heimat tagtäglich ihre Drachen steigen lassen. Dort, in Afghanistan, sei das ein "Zeichen für Freiheit", hätten doch die Taliban selbst das Drachensteigen verboten, erzählt er. Warum? "Weil sie alles verboten haben." Seit 2008 ist der Afghane in Wien, muss jedes Jahr zittern, wenn es darum geht, dass sein (befristeter) Aufenthaltsstatus als "subsidiär Schutzberechtigter" zur Verlängerung ansteht.

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Wie Ali Mohammadi haben viele Flüchtlinge aus seinem Heimatland - oft Minderjährige - beim Verein "Afghanische-Jugendliche Neuer-Start in Österreich" angedockt. Und wie er lehren viele von ihnen jetzt Wiener Schülern und Schülerinnen, aus einfachsten Materialien Drachen zu basteln. Ausgedacht haben sich dieses Schulprojekt der Verein "Neuer Start" und die Asylkoordination. Dank finanzieller Hilfe durch die Stadt gibt es die Drachenbau-Crashkurse gratis. Seit Schulbeginn im September wurden schon rund 15 Schulen besucht. Die Idee ist simpel: Zuerst basteln sie mit den Kindern, dann sprechen sie über Flucht und Vertreibung.

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"Ich habe das Gefühl, die Schüler haben wenig Ahnung von Asylwerbern und Flüchtlingen", sagt Mohammadi. Fast immer werde er gefragt, wie er sich Essen und Trinken auf seiner Flucht organisiert habe. Wie er es nach Österreich geschafft hat? "Es ist sehr schwierig", sagt der 31-Jährige, der ganz alleine nach Österreich flüchtete. Mohammadi gehört der Volksgruppe der Hazara an, die schon seit langem in Afghanistan verfolgt wird. "Ich habe Angst, was jetzt in Afghanistan weiter passieren wird", sagt er und folgert: "Ich würde gerne in Österreich bleiben."

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Die meisten Menschen seien zwar "toll", unter seinem Aufenthaltsstatus leidet der Afghane aber: "Ich weiß nicht, wie lange ich noch in der Luft hänge. Ich hoffe, dass die österreichische Politik über Flüchtlinge mehr die Lebenswelt von Flüchtlingen sieht." Er selbst wird diese Botschaft vorerst weiter in Schulen tragen und dabei viele, viele Drachen bauen. Und Tipps geben, wenn der Drache im Flug abschmiert: Dann nämlich, waren die Stäbchen zu dick, oder die Folie war nicht quadratisch geschnitten. (Peter Mayr, derStandard.at, 23.10.2013)

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