Leistbares Wohnen als neue Bahnhofsmission

20. Oktober 2013, 09:42
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20.000 Wohnungen entstehen bis 2025 auf ehemaligen Bahngründen in Wien. Vor allem freifinanziert wird in den nächsten Jahren viel gebaut werden

In ganz Europa entstehen derzeit neue Stadtteile auf ehemaligen Bahnliegenschaften. Auch in Österreich ist dieses Thema seit mehreren Jahren aktuell, denn diese Flächen eignen sich meist ganz hervorragend für die dringend nötige innerstädtische Nachverdichtung. Die ÖBB verfügen allein in der Bundeshauptstadt Wien über nicht mehr betriebsnotwendige Areale mit einem Potenzial für rund zwei Millionen Quadratmeter an Bruttogeschoßfläche.

Bis 2025 könnten auf vielen dieser Flächen 20.000 Wohnungen gebaut werden, rechneten die ÖBB-Immobilien-Vorstände Herbert Logar und Erich Pirkl in einem Pressegespräch vor. Zum Vergleich: Das sind fast zweieinhalb Mal so viele Wohnungen wie in der Seestadt Aspern gebaut werden sollen.

"Freifinanziert, aber leistbar"

Laut Logar ist dabei immer öfter eine Form des Wohnbaus gefragt, die bis vor wenigen Jahren praktisch undenkbar war: "Freifinanziert, aber doch leistbar für die breite Masse." Der Baugrund sei zwar "ein bisschen teurer, aber man muss dann nicht die ganzen 'Blödheiten' des geförderten Wohnbaus mitmachen", so Logar. Attraktiv seien diese Wohnungen vor allem für junge Ehepaare, "die sich die Miete aus dem laufenden Cashflow, aber die Eigenmittel im geförderten Wohnbau nicht leisten können".

Beim großen Entwicklungsquartier südlich des neuen Hauptbahnhofs wird sich dieser Paradigmenwechsel besonders ausgeprägt zeigen: Westlich des neuen Helmut-Zilk-Parks, wo viele Wohnungen bereits fertig oder kurz vor Fertigstellung sind, entstand bisher ausschließlich geförderter Wohnbau. Beim östlichen Teil, für den Anfang 2014 die Verwertung startet, wird es nur wenig geförderten, aber sehr viel freifinanzierten Wohnbau geben.

Baugruppen gefragt

Und auch bei der städtebaulichen Entwicklung hat es laut Logar einen gewissen Lernprozess gegeben: "Wir sind beim östlichen Teil um sechs, sieben Jahre gescheiter als noch beim westlichen Teil, insbesondere was die Gestaltung der Erdgeschoßzonen und die Durchwegung betrifft." Östlich des Zilk-Parks soll es nun keine großen Blöcke, sondern eine viel kleinteiligere Bebauung geben, mit attraktiver Bespielung der Erdgeschoßzonen. Zu diesem Zweck soll ein Beirat gegründet werden, der unter anderem mit Vertretern der ÖBB und der Stadt besetzt wird. Auch Baugruppen können sich bewerben, die den Grund zu den Bedingungen des geförderten Wohnbaus erhalten können - sofern sie ein attraktives Konzept abliefern.

Westlich des Zilk-Parks würde man heute wohl anders vorgehen, hätte man nochmals die Möglichkeit dazu; "ich glaube aber trotzdem, dass es ein gutes Gebiet geworden ist", sagt Logar.

Erkenntnisse nutzen

Die gewonnenen Erkenntnisse will man nun auch bei der Entwicklung des Nordwestbahnhof- und des Nordbahnhof-Areals berücksichtigen. Am Nordbahnhof sind von verschiedenen Bauträgern ohnehin schon 4000 Wohnungen errichtet worden, bis 2025 sollen weitere 6000 realisiert werden. Für den nördlichen Teil des 65 Hektar großen Gebiets befindet sich der Masterplan gerade im "Feintuning", sagt Logar.

Im städtebaulichen Ideenwettbewerb hatte sich zuvor das Wiener Büro StudioVlay durchgesetzt, dieses werde nun bis Anfang 2014 in enger Kooperation mit der Stadt sowie mittels Bürgerbeteiligung in ein neues Leitbild gegossen. Das Verhältnis zwischen gefördertem und freifinanziertem Wohnbau wird dort künftig 60:40 betragen, schätzt Logar.

Weitere Projekte sind in Vorbereitung: Ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, zwischen Gürtel und Landgutgasse, gibt es Potenzial für 1000 Wohnungen, an der Erdberger Lände könnten 600 gebaut werden. Und für die Felberstraße wird nach einem neuen Konzept gesucht, das vom Westbahnhof nicht mehr benötigte Gleisflächen beinhaltet. Hier wären 800 bis 900 Wohnungen drin, ein aus 2004 stammender Masterplan wird überarbeitet. (Martin Putschögl, DER STANDARD, 19.10.2013)

  • Visualisierung des Hauptbahnhofareals, Blick von Süden: Östlich des Y-förmigen Helmut-Zilk-Parks soll kleinteiliger gebaut werden, mit attraktiven Erdgeschoßzonen und besserer Durchwegung.
    bild: öbb immobilien

    Visualisierung des Hauptbahnhofareals, Blick von Süden: Östlich des Y-förmigen Helmut-Zilk-Parks soll kleinteiliger gebaut werden, mit attraktiven Erdgeschoßzonen und besserer Durchwegung.

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