Der Berg ruft, und alle kommen

21. Oktober 2013, 16:43
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Die Eigernordwand ging im Jubeljahr besonders vielen Schaulustigen nah. Noch näher dran sind im Herbst die Wanderer

  Alles ein Idyll: Das Dorf auf tausend Meter Höhe wird von aufsteigenden Hügeln gerahmt, die mit Gras wie Samt überzogen sind. Enzianblau strahlt der Herbsthimmel, Alphöfe und Käsespycher betupfen die Kuppen. Würde jetzt noch Heidi mit ihren Geißen ins Bild rennen, die Schweiz der Johanna Spyri wäre perfekt. Doch der Ort heißt Grindelwald, und hinter den Anhöhen ragt eine steile Felsarena auf, senkrecht wie der Credit-Suisse-Tower in Zürich. Die Sonne kommt nie auf die Nordseite. Das ist kein Berg für gemütliches Wandern. Das sieht man auf den ersten Blick.

Seit Jahrhunderten ziehen der 3970 Meter hohe Eiger und sein Gletscher im Berner Oberland Menschen an. Als Erster schaffte der Ire Charles Barrington mit zwei Bergführern 1858 den Eigergipfel. Am 24. Juli 1938 knackte die Seilschaft aus den Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie den Österreichern Heinrich Harrer und Fritz Kasparek den Mythos von der unbesteigbaren Eigernordwand. Vor 75 Jahren hatten sie das letzte ungelöste Problem der Alpen gemeistert und die 1800 Meter hohe Steilwand durchstiegen. Vor der Erstbegehung starben in der Nordwand an die 60 Kletterer. "Eiger-Mordwand" nennen sie viele.

Eine Puch und Yuko Maki

"Heute nehmen sie in drei Stunden, wofür man damals drei Tage brauchte", sagt Samuel Michel im Grindelwalder Heimatmuseum. Der ehemalige Museumschef zeigt die alten Nagelschuhe, Hanfseile und in Grindelwald hergestellte Bhend-Eispickel. Michels ganzer Stolz ist aber das Motorrad von Harrer. Mit der schwarzen Puch, Baujahr 1932, fuhr der Erstbesteiger am 21. Juli zur Nordwand. Zu den Besuchermagneten zählen auch Schwarz-Weiß-Fotos von Yuko Maki, der 1921 zu den Erstbesteigern des Mittelegigrats gehörte. Japanische Touristengruppen verbeugen sich mehrfach vor den Bildern ihres berühmten Landsmanns und verschwinden wieder.

Der Berg ruft, und alle kom- men - nicht nur im Jubiläumsjahr. Das Gipfeltrio aus Eiger, Mönch und Jungfrau ist ein Touristenrenner; seit die höchstgelegene Bergbahnstation Europas als "Top of Europe" vermarktet wird, fahren jährlich rund 700.000 Gäste der Jungfrau aufs Dach.

Der Hochgebirgsbahnhof Kleine Scheidegg ist der Knoten zwischen Tal und Jungfraujoch. Hier reichen sich auf 2061 Höhenmetern Alphirten, Bergsteiger und Besucher aus aller Welt die Hände. Auf den völkerverbindenden Perrons helfen Bahnbeamte gelassen den herumirrenden Gästen zum richtigen Gleis. Andere drängen in die Souvenirshops oder ins altehrwürdige "Bellevue des Alpes", das seit der Gründerzeit das Basislager aller Bergsteiger war und heute alles dransetzt, den modernen Zeitgeist zu vermeiden.

Auf dem Platz vor dem Grandhotel warten schon Cliff und Asti. Die beiden Amerikaner bewahren so wie ihr Berner Sennenhund mit dem Fässchen um den Hals stoische Ruhe, als sie von einer asiatischen Gruppe begeistert überfallen werden. Sofort ist Dolmetscher Cliff zur Stelle, und schon posiert die Gruppe mit Asti und dem Hund in der Mitte vor dem Alpenpanorama. Der Zweimetermann aus Kalifornien, der nicht auf das Foto passt, hat ein einträgliches Geschäft. Nachdem die Touristen gegessen haben, erhält jeder von ihnen für umgerechnet 25 Euro sein Topsouvenir.

Der Eiger, ein wenig einsamer

Jetzt, im Herbst, kommen sogar einige, die wandern wollen. Während auf der Kleinen Scheidegg und dem Jungfraujoch die Hölle los ist, wirkt der sogenannte Eiger-Trail vergleichsweise vereinsamt. Der dreistündige Panoramaweg von Grindelwald zur Mittelstation ist zwar für Alpinisten anspruchslos, aber man hat die vertikale Nordwand ständig im Blick. Wie mag das sein, da zu hängen? Welche Ängste steht man aus, warum tut man das?

Direkt unterhalb der Felswand schlängelt sich der schmale Bergweg entlang. Das Auge sucht nach Schlüsselstellen wie der "Götterquerung" und dem "Todesbiwak", wo 1936 der erschöpfte Toni Kurz im Seil hängend starb - wenige Meter von seinen Rettern entfernt. Hier wurde vor fünf Jahren der dramatische Film mit Benno Fürmann gedreht. Während eines kurzen Moments des Innehaltens überholt eine Gruppe von Japanern und grüßt lächelnd: "Glüzi". (Beate Schümann, DER STANDARD, Album, 19.10.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde von Schweiz Tourismus unterstützt.

  • Einsam ist der Eigerblick von der Kleinen Scheidegg nur in den frühen Morgenstunden, bevor die erste Garnitur der Jungfraubahn Grindelwald verlassen hat.
    foto: swissimage.com / lucia degonda

    Einsam ist der Eigerblick von der Kleinen Scheidegg nur in den frühen Morgenstunden, bevor die erste Garnitur der Jungfraubahn Grindelwald verlassen hat.

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