Frauen häufiger wegen psychischer Probleme in Pension

17. Oktober 2013, 18:56
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Hauptgrund bei Invaliditätspension - Massiver Anstieg seit dem Jahr 2005

Wien – Rudolf Müller legt sein Amt mit einem Schuss Selbstironie an. "Wer behauptet, er kennt sich im Pensionssystem überall aus, ist auch sonst nicht sehr seriös", sagt der Verfassungsrichter, der nun überdies Vorsitzender der Pensionskommission ist. Diese hat einen neuen "Monitoringbericht" vorgelegt, der – so Müller – eine schlechte Nachricht inkludiert.

Die Österreicher gehen immer noch zu früh in Pension. Das durchschnittliche Antrittsalter ist weniger gestiegen, als laut Kommission nötig ist, um das System stabil zu halten. Laut "Referenzpfad" sollte es 2012 auf 59 Jahre steigen, tatsächlich lag es aber nur bei 58,4 Jahren. Seit 2005 gab es lediglich ein Plus von 0,3 Jahren.

Mit 53 Jahren invalide

Es sind vor allem die Invaliditätspensionisten, die die Statistik trüben: Wer sich aus Krankheitsgründen aufs Altenteil zurückzieht, tut das im Schnitt bereits im Alter von 52,8 Jahren.

Ein auffälliger Trend: Die Zahl der Invaliditätspensionisten, die psychiatrischer Erkrankungen geltend machen, ist stark gestiegen, und das betrifft vor allem  Frauen. Betrug der Anteil jener, die wegen derartiger Probleme in den Vorruhestand gingen, 2005 noch 31 Prozent, so sind es nun etwa 42 Prozent – psychiatrische Erkrankungen sind bei den Frauen mittlerweile mit Abstand der häufigste Grund für Invaliditätspensionen. Bei den Männern ist die Quote hingegen "nur"  von 20 auf 25 Prozent angewachsen.

"Die Depression ist weiblich", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Gesundheitspsychologin an der Uni Salzburg und Beauftragte für Frauengesundheit der Stadt Wien. Quer durch alle Statistiken zeige sich: Zu zwei Drittel sind es Frauen, die unter psychischen Problemen leiden.

Warum das so ist? Wimmer-Puchinger fallen mehrere Thesen ein. Frauen hätten oft weniger attraktive Jobs als Männer und liefen leichter Gefahr, gemobbt zu werden. Trotz Berufstätigkeit bleibe familiäre Arbeit von der Kindererziehung bis zur Altenpflege nach wie vor an ihnen hängen. Obendrein, meint die Expertin, werde an Frauen von klein auf ein strengerer Maßstab der Perfektion angelegt: "Sie neigen daher mehr als Männer zum Grübeln."

Weitere Erklärung: Frauen gestehen sich psychische Probleme eher ein, als sie zu unterdrücken oder gar zu ersäufen. Maria-Anna Pleischl, Präsidentin des Verbandes für Psychotherapie, hält dieses Phänomen für den zentralen Grund für die weibliche Dominanz in der Statistik; in den Psychotherapiepraxen mache der Patientinnenanteil gar 70 bis 80 Prozent aus. Aus den Pensionszahlen lasse sich nicht schließen, dass Männer psychisch gesünder sind, meint Pleischl, schließlich drückten sich derartige Krankheiten auch somatisch aus: "Männer gehen dann eben wegen orthopädischer Schmerzen statt psychischer Gründe in Frühpension."(Gerald John, DER STANDARD, 18.10.2013)

  • "Die Depression ist weiblich", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Gesundheitspsychologin an der Uni Salzburg.
    foto: dpa/maja hitij

    "Die Depression ist weiblich", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Gesundheitspsychologin an der Uni Salzburg.

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