Schädel vereinfacht unseren Stammbaum

17. Oktober 2013, 20:01
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Sensationsfund in Georgien: Forscher entdeckten einen 1,8 Millionen Jahre alten Hominiden-Schädel, der bisherige Konzepte frühmenschlicher Artenvielfalt widerlegt

Zürich/Wien - "Das ist zweifellos einer der wichtigsten Schädel, die je entdeckt wurden", sagt Ian Tattersall, Forscher am Museum of Natural History in New York, auf Anfrage der Wissenschaftszeitschrift Science. Sein streitbarer Kollege Tim White von der Uni Berkeley hält das 1,8 Millionen Jahre alte Fossil gar für eine Art Ikone, die "noch lange herausragen wird".

Was die Entdeckung tatsächlich bedeutet, wird die Erforscher der menschlichen Frühgeschichte sicher noch länger beschäftigen. Gewiss ist außerdem, dass der Schädel bereits am 5. August 2005 in Dmanisi in Georgien freigelegt wurde. Und dass er ein internationales Forscherteam acht Jahre lang beschäftigte, ehe es nun in Science eine Analyse des bestens erhaltenen Schädels vorlegt.

Gemeinsam mit vier anderen, ebenfalls in Dmanisi gefundenen Fossilien, die alle rund 1,8 Millionen Jahre alt sind, bietet der neue Fund eine ganz neue Perspektive auf den Beginn unserer Gattung Homo. Aus dieser Gattung hat sich vor rund 200.000 Jahren in Afrika der moderne Mensch (Homo sapiens) entwickelt, der vor rund 100.000 Jahren mit der Eroberung der Welt begann. Homo sapiens war aber nicht die einzige Homo-Art, die aus Afrika auswanderte.

Bereits bald nach der Entstehung der Gattung vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika haben sich ihre Vertreter nach Eurasien aufgemacht - und sich auch in der Region östlich des Schwarzen Meers niedergelassen. Das war der Wissenschaft bereits seit längerem klar. Nicht ganz so klar war, wie die Unterschiede der Funde aus dieser Zeit in Afrika und Eurasien zu deuten sind.

Die meisten Paläoanthropologen gingen davon aus, dass es vor mehr als einer Million Jahre bis zu fünf verschiedene Arten von Homo gegeben haben muss: neben Homo erectus (also dem "aufrecht gehenden Menschen") auch noch Homo rudolfensis, Homo ergaster und Homo antecessor.

Der nun analysierte Schädel aus Dmanisi erzählt nun aber - zumal gemeinsam mit den vier anderen - eine ganz andere Geschichte. Wären seine Teile einzeln gefunden worden, also der kleine Hirnschädel, die dicken Augenwülste und der massive Unterkiefer, hätte man sie bisher wohl zwei verschiedenen Arten zugeordnet, sagt Christoph Zollikofer, Anthropologe der Uni Zürich, der an der Studie beteiligt war.

Wichtig sei aber auch, dass in Dmanisi bereits fünf gut erhaltene und sehr unterschiedliche Schädel aus der gleichen Zeit gefunden wurden, ergänzt seine Kollegin Marcia Ponce de León. Denn das wiederum bedeutet, dass alle fünf trotz aller Verschiedenheit einer Art angehörten - nach gängiger Definition der Art Homo erectus.

Diese Unterschiede sind freilich weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick aussieht, so Zollighofer: Sie seien "auch nicht viel größer als die zwischen fünf beliebigen Menschen oder fünf beliebige Schimpansen aus einer modernen Population".

Was daraus folgt? Für das Dmanisi-Team ist offensichtlich, dass die bisher behauptete frühmenschliche Artenvielfalt widerlegt ist und sich damit der Stammbaum des Menschen erheblich vereinfacht. Man sollte von nun an mit Homo erectus auskommen, der mithin auch schon der erste "Global Player" der menschlichen Evolution war. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 18.10.2013)

  • Der rechte, neu beschriebene Kopf passt mit seinen Gesichtszügen eigentlich gar nicht zu den anderen. Dennoch sind alle fünf ähnlich alt und stammen alle aus Georgien. Damit müssen aber auch alle zu einer einzigen Art gehören.
    foto: m. ponce de león/ch. zollikofer, university of zurich

    Der rechte, neu beschriebene Kopf passt mit seinen Gesichtszügen eigentlich gar nicht zu den anderen. Dennoch sind alle fünf ähnlich alt und stammen alle aus Georgien. Damit müssen aber auch alle zu einer einzigen Art gehören.

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