Auf Seitenpfaden der Romantik

17. Oktober 2013, 19:00
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Die venezianische Stiftung Palazzetto Bru Zane widmet sich den unbekannten Musikwerken der französischen Romantik - forschend und auch als Konzertveranstalter: eine Entdeckungsreise

Natürlich: Da gibt's den Zehn-Euro-Cappuccino am Markusplatz, die in Zeitlupe vorbeiziehenden monströsen Kreuzfahrtschiffe, an deren Decks sich abends ein Blitzlichtgewitter entlädt. Und im Vergleich zur touristischen Ameisenstraße zwischen Rialtobrücke und Bahnhof Santa Lucia ist die Salzburger Getreidegasse ein lauschiges Plätzchen.

Aber abseits der Trampelpfade gibt es auch in Venedig lohnende Plätzchen zu entdecken. Geht man etwa bei der Frari-Kirche über zwei Brücken, einen Platz und ein armbreites Gässchen, steht man vor der Gartenpforte eines kleinen Palazzo. In diesem Ende des 17. Jahrhunderts erbauten ehemaligen Vergnügungspalais der Familie Zane ist eine kleine, feine Stiftung untergebracht: der Palazzetto Bru Zane - Centre de musique romantique francaise.

Gegründet von Nicole Bru, einer einstigen Mitinhaberin eines großen französischen Chemiekonzerns, wird hier auf dem Terrain der romantischen Musik Frankreichs betrieben, was jedem Venedig-Tourist Lust und Freude bereiten sollte: Es werden die selten betretenen, vergessenen Pfade dieser Musik erforscht. Alexandre Dratwicki ist als wissenschaftlicher Direktor für die Spurensuche verantwortlich; Generaldirektorin Florence Alibert kümmert sich um Künstlerkontakte und überzeugt davon, dass es sich lohnt, die unbekannten Werke aufzuführen.

Denn parallel zur liebevollen, aufwändigen Neuedition vieler Kompositionen, zur Veröffentlichung von Büchern und CDs veranstaltet der Palazzetto Bru Zane auch Konzerte und kooperiert mit großen Opernhäusern, renommierten Orchestern und Ensembles, um Werke von Komponisten wie Max D'Ollone, André-Ernst-Modeste Grétry oder François-Joseph Thésée zu Gehör zu bringen.

In der aktuellen Saison kommt die Stiftung dabei auf beachtliche 315 Konzerte und Opernaufführungen in 130 verschiedenen Städten und 22 Ländern. So ist Bru Zane etwa Mitunterstützer eines Berlioz-Schwerpunkts mit Valery Gergiev, der Ende Oktober im Wiener Konzerthaus stattfindet. Und Mitte November ist im Theater an der Wien Antonio Salieris Oper Les Danaides zu erleben.

Bis zum 23. Oktober ereignet sich noch einer der zwei jährlichen Festivalschwerpunkte in der Serenissima - er ist dem französischen Pianisten und Komponisten Charles-Valentin Alkan (1813-1888) gewidmet. Und so sitzt man im pittoresken, von Antonio Gasperi geplanten ehemaligen Ballsaal des Palazzetto und lauscht Frühwerken des Freunds von Chopin und Liszt und einstigen Wunderkinds. In seinen Trois Études de bravour op. 16 wechselt Lisztsche Klanggigantomanie mit minimalistischen Spielereien à la Hugo Wolf und Anklängen an impressionistische Klangflächenmalerei.

Juwel der Hochromantik

Von epischen Ausmaßen die 1848 entstandene Grande Sonate Les Quatre Ages , die Pascal Amoyel am Abend darauf in der benachbarten, unfassbar schönen Scuola Grande di San Giovanni Evangelista durchficht: Der Einzelgänger Alkan hatte hier die Idee, vier Lebensalter eines Mannes klingend darzustellen. Im heterogenen Werkkoloss verlangsamt sich das Tempo peu à peu von virtuosen, manischen Sturmläufen über eine gelöste Liederabendstimmung bis zu resignativem Stillstand. Ein Juwel der Hochromantik die 1856 komponierte Sonate de concert für Cello und Klavier op. 47; Emmanuelle Bertrand stürzt sich mit wallendem Haar in das prachtvolle Werk.

Für den Zuhörer ist das Konzerterlebnis so aufregend wie für den Touristen die Erkundung der Umgebung ohne Stadtplan: Man weiß nie, welche Wendung der Werkgang nimmt, welche stilistischen Eigenarten aufeinanderfolgen, wo Brüche sind, plötzliche Überraschungen, ermüdende Passagen oder überwältigende Schönheit; und so sitzt man mit offenen Ohren und wachem Geist. Nächstes Frühjahr kann man erneut Entdeckerfreuden in Venedig erleben, in einem Schwerpunkt über Kammermusik von Félicien David (1810-1874). (Stefan Ender aus Venedig, DER STANDARD, 18.10.2013)

Die Reise zum Alkan Festival erfolgte auf Einladung des Palazzetto Bru Zane.

  • Im Palazetto Bru Zane pflegt man Raritäten der romantischen Musik Frankreichs.
    foto: pallazetto bru zane

    Im Palazetto Bru Zane pflegt man Raritäten der romantischen Musik Frankreichs.

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