US-Klimastratege: "Ich habe noch kein Elektroauto in Wien gesehen"

Interview18. Oktober 2013, 05:30
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Im Smart-City-Ranking des US-Klimastrategen Boyd Cohen schneidet Wien ziemlich gut ab. Doch Kopenhagen oder Amsterdam sind punkto Angeboten für Radfahrer, grüner Gebäudebauten oder CO2-Zielen einen Schritt voraus, erzählte er David Krutzler.

STANDARD: Was ist eine sogenannte Smart City für Sie?

Cohen: Für mich ist es eine Stadt, die effizient mit ihren Ressourcen umgeht und innovativ ist. Entscheidend ist, wie die Bevölkerung mit neuen, grünen Technologien beliefert wird. All diese Dinge haben eines zum Ziel: eine verbesserte Lebensqualität.

STANDARD: Was ist für eine Stadt der wichtigste Punkt, um dieses Ziel erreichen zu können?

Cohen: Für mein Ranking habe ich sechs Kategorien benannt: Umwelt, Verwaltungsstruktur der Stadt, Lebensniveau, Mobilität, Ausbildungsgrad der Bewohner, Wirtschaft. Alle werden gleich bewertet. Wenn ich das Wichtigste benennen müsste, würde ich sagen: Mobilität. Die Lebensqualität ist vom Verkehr beeinflusst. Je weiter die Stadt ausgedehnt ist, umso schwerer ist es für Menschen, zur Arbeit zu kommen, an sozialen und kulturellen Aktivitäten teilzunehmen. Und es hat riesige Auswirkungen auf die Umweltverschmutzung.

STANDARD: Wien ist in Ihrem aktuellen Ranking unter europäischen Städten Vierter. Warum ist Wien nicht so smart wie Kopenhagen, Stockholm und Amsterdam?

Cohen: Kopenhagen ist die erste Hauptstadt der Welt, die bis 2025 klimaneutral sein will. Es wird an grünen Transportlösungen gearbeitet, Parks werden errichtet, erneuerbare Energien entwickelt. Bis 2020 sollen alle Gebäude Nullenergiehäuser sein, also so viel Energie erzeugen, wie sie verbrauchen. Dazu braucht es politischen Mut. 40 Prozent aller Wege werden von den Bewohnern mit Rädern zurückgelegt.

STANDARD: Was ist mit Amsterdam?

Cohen: Das größte Problem von Amsterdam ist der Rad- und nicht mehr der Autoverkehr. Das ist faszinierend. Um den Hauptbahnhof stehen täglich fast 10.000 Bikes herum. In Stockholm sind 40 Prozent der Fläche Parks. Das kommt der Gesundheit der Bevölkerung zugute. Wien macht seine Sache sehr gut, die Stadt war in allen Kategorien in den Top Ten gelistet.

STANDARD: Wien war in Ihrem weltweiten Ranking 2011 Erster. Wie kann Wien das wieder erreichen?

Cohen: Wien könnte mehr Bemühungen in den Ausbau grüner Flächen und in grüne Energien stecken. Ich weiß, dass Wien als Ziel anpeilt, bis 2030 fünfzig Prozent der Energie aus Erneuerbaren zu gewinnen. Aber andere Städte sind ambitionierter. Sie stecken etwa mehr Intensität in den Ausbau von grünen Gebäuden. In Kopenhagen bewegt sich der gesamte private Gebäudesektor hin zu diesem Ziel, die Stadt braucht kein Extrageld dafür auszugeben.

STANDARD: Wie schneidet Wien in puncto Mobilität ab?

Cohen: In Wien finde ich die Citybikes großartig. Anders als in Barcelona können auch Touristen das System verwenden. Aber Wien könnte mehr für die Radfahrer tun, Radwege sicherer machen, die Wege besser miteinander verbinden. Das Rad könnte Teil einer jeden Wegstrecke werden. Ich sehe hier nicht so viele Radler wie in anderen Städten. Ich weiß, dass das System mit öffentlichen Verkehrsmitteln exzellent funktioniert. Aber Gehen und Radfahren ist gesünder - für die Stadt und auch für die Bewohner selbst.

STANDARD: Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Cohen: Ich habe noch kein Elektroauto in Wien gesehen, auch keine Ladestation. Das heißt nicht, dass es gar keine gibt, aber man könnte sich dieses Themas annehmen. In Paris gibt es ein Carsharing Programm mit E-Autos, es gibt 3000 Autos und 4000 Stationen in der Stadt verstreut.

STANDARD: Laut Studien werden 70 Prozent der Weltbevölkerung 2050 in Städten leben. Auch Wien wächst ordentlich. Was heißt das für eine grüne Stadtentwicklung?

Cohen: Das Städtewachstum ist eine der größten Herausforderungen, der sich die Menschheit zu stellen hat. Es wird einen Wettbewerb um Ressourcen geben: Wasser, Energie, Jobs, Essen. Die Lebensqualität wird neben Effizienz auch von der Verkehrsinfrastruktur abhängen. In vielen Städten Lateinamerikas ist das Öffi-System für viel zu wenige Personen ausgerichtet. Wie soll man Menschen für Öffis gewinnen, wenn sie in den Rushhours nicht einmal in den Zug oder die U-Bahn kommen? Oder, wenn sie es schaffen, 40 Minuten lang eingepfercht sind? Sie werden eher wieder das Auto bevorzugen. Es braucht perfekte Planung. Je mehr Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden können, desto besser.

STANDARD: Wie kann Wien gesund wachsen?

Cohen: Die Lebensqualität sollte für alle steigen. Vancouver hat ein interessantes Programm: Natürlich will kein Unternehmer, dass es in seinem neuen Gebäude Sozialwohnungen gibt. Die Stadt aber sagt: Du darfst statt vier gleich sieben Stockwerke hoch bauen, dafür muss ein Stockwerk für Menschen mit weniger Einkommen reserviert sein - mit einer billigeren Einrichtung. Die Stadt kostet das nichts, der Unternehmer profitiert, und ärmere Menschen sind nicht vom Gesellschaftsleben ausgeschlossen.

STANDARD: Soll die Stadt also eher in die Höhe wachsen?

Cohen: Definitiv. In Wien werden auf der anderen Seite der Donau Türme gebaut, aber nur die wenigsten sind für Wohnungen reserviert. In Vancouver gibt es ein Hochhaus, da sind vier Stockwerke für ein Hotel und 55 für Bewohner reserviert. Da wohnen fast 500 Familien drin! Sie brauchen so viel Land wie ein Familienhaus mit einem größeren Garten. (David Krutzler, DER STANDARD, 18.10.2013)

 


Zur Person:

Boyd COHEN ist ein Klimastratege. Der US-Amerikaner war Gast bei der Wiener Tourismuskonferenz 2013. Er lebt derzeit in Santiago de Chile.

  • Der Bau des DC-Tower 1, mit 250 Metern Österreichs höchstes Gebäude, ist vollendet. Nur wenige der 60 Stockwerke sind für Wohnungen, zumal sehr teure, reserviert. Für Boyd Cohen eine Fehlentwicklung. Foto: APA/Techt
    foto: apa/hans klaus techt

    Der Bau des DC-Tower 1, mit 250 Metern Österreichs höchstes Gebäude, ist vollendet. Nur wenige der 60 Stockwerke sind für Wohnungen, zumal sehr teure, reserviert. Für Boyd Cohen eine Fehlentwicklung. Foto: APA/Techt

  • "Es werden Türme gebaut, aber nur die wenigsten für Wohnungen", sagt der US-Klimastratege Boyd Cohen.
    foto: fotoweinwurm.at

    "Es werden Türme gebaut, aber nur die wenigsten für Wohnungen", sagt der US-Klimastratege Boyd Cohen.

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