Figuren in einer Landschaft mit Geschichte

17. Oktober 2013, 17:36
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Lav Diaz erforscht auch in seinem jüngsten Epos die Gegenwart der Philippinen

Der Filmemacher Lav Diaz ist bekannt dafür, in vielstündigen Schwarz-Weiß-Filmen Geschichte und Gegenwart der Philippinen zu erforschen. Arbeiten wie Evolution of a Filipino Family (2004), Heremias (2006) oder Melancholia (2008) kreisen um Klassengegensätze, Armut, politische Verfolgung und das Ausgeliefertsein derer, die von Macht und Wohlstand ausgeschlossen sind.

Sein jüngster Film Norte, hangganan ng kasaysayan (Norte, the End of History) dauert keine 600, sondern vergleichsweise kurze 250 Minuten, er ist in Farbe gedreht, und er lehnt sich lose an Motive aus Dostojewskis Verbrechen und Strafe an. Ein Strang des Films folgt einem jungen Mann namens Fabian (Sid Lucero), der sein Jurastudium hinschmeißt, vor seinen Freunden zynische Reden über das Ende der Geschichte hält und ständig in Geldnot ist. Der zweite Strang kreist um die Familie von Eliza (Angela Bayani) und Joaquín (Archie Alemania), die in bescheidenen Verhältnissen lebt. Joaquín hat eine Verletzung am Bein, die ihn daran hindert zu arbeiten; der Besuch bei der Geldverleiherin gehört für die beiden zum Alltag. Die Geldverleiherin wiederum bildet den Knoten zwischen den beiden Strängen. Als sie ermordet wird, wird Joaquín, obwohl er die Tat nicht begangen hat, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Diaz filmt oft aus der Distanz. Wenn Fabian seine nihilistischen Predigten hält, sind fünf Figuren im Bild zu sehen und um sie herum noch Landschaft oder Gebäude. Einmal etwa steht die Clique auf einer Anhöhe über einem Fluss, und während Fabian auf die Unzulänglichkeiten der Justiz schimpft, quert ein Kanu gemächlich den Bildhintergrund. Vieles geschieht ohnehin hinter einer Sichtbarriere im Bild oder gleich im Off.

Virtuoser Rhythmus

So schafft der Film ein Bewusstsein dafür, dass jenseits des Bildrands die Welt nicht aufhört. Die Langsamkeit der Kamerabewegungen sorgt für große Ruhe. Norte verliert diese auch dann nicht, wenn sich die Ereignisse zuspitzen. Der Rhythmus, in dem die kontemplativeren Sequenzen von einzelnen, handlungsreichen Szenen durchbrochen werden, ist virtuos gesetzt, und indem Diaz seine Plots nicht auf 90 Minuten staucht, sondern auf mehrere Stunden ausdehnt, nähert er sich dem, was Paul Schrader in seinem berühmten Essay über den transzendentalen Stil einmal als "Stasis" beschrieben hat:

Wenn Konflikte zu hart sind, als dass sie aufgelöst werden könnten, stellt das Filmemacher vor dramaturgische Probleme. Sie können dann entweder den Ausweg des Happy Ends wählen, zahlen dafür aber den Preis einer billigen Beschwichtigung, oder aber sie neigen dazu, dem Publikum das Elend der Figuren um Augen und Ohren zu knallen. "Stasis" beschreibt etwas jenseits dieser beiden unseligen Optionen: den Versuch, nicht aufhebbare Konflikte ohne falsche Besänftigungen zu verhandeln.

Diaz gelingt dies zum Beispiel, weil er viele Einstellungen von narrativen Funktionen befreit. Dann sieht man Ziegen am Wegesrand oder den Schattenwurf von zum Trocknen aufgehängter Wäsche auf einer Gefängniswand. (Cristina Nord, DER STANDARD, 18.10.2013)

5. 11., Kino am Schwarzenbergplatz, 18.00

  • Kurzes Zur-Ruhe-Kommen inmitten nicht aufhebbarer Konflikte: "Norte, the End of History" von Lav Diaz.
    foto: viennale

    Kurzes Zur-Ruhe-Kommen inmitten nicht aufhebbarer Konflikte: "Norte, the End of History" von Lav Diaz.

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