Krebs: Gegen therapeutischen Nihilismus

18. Oktober 2013, 13:33
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Durch neue Behandlungsstrategien sind Krebspatienten zu Langzeitüberlebenden geworden - Das hat nicht nur psychologische, sondern auch soziale Auswirkungen hat

Vom 18. bis 22. Oktober findet die Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Wien statt. Laut Richard Greil, Vorstand der Inneren Medizin III an der Onkologie der Salzburger Universitätsklinik und diesjähriger Kongresspräsident, steht dabei der massive Anstieg der Prävalenzen, auch durch Chronifizierung von Tumor- erkrankungen, und dessen Auswirkungen im Vordergrund. 

Meist Alterserkrankung

Immerhin werden aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung der Menschen immer mehr Krebserkrankungen diagnostiziert - im Allgemeinen ist Krebs eine Alterserkrankung. Das mittlere Erkrankungsalter für Krebs insgesamt liegt bei 69 Jahren für Männer und 68 Jahren für Frauen. "Nur wenige Tumorarten haben einen Erkrankungsgipfel im jüngeren oder mittleren Lebensalter, darunter etwa Gebärmutterhalskrebs, Hodenkrebs und Sarkome", erklärt Krebsspezialist Hellmut Samonigg, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Uni-Klinik für Innere Medizin Graz.

"Bei der Mehrzahl der Krebsarten steigt jedoch das Erkrankungsrisiko mit dem Alter an. Dazu zählen häufige Krankheiten wie Darm- oder Prostatakrebs, aber auch Bauchspeicheldrüsen-, Brust-, Magen- und Lungenkrebs", ergänzt Samonigg. Jährlich erkranken in Österreich laut Statistik Austria etwa 38.000 Menschen an Krebs, Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

Doch die jüngsten Entwicklungen in der Onkologie lassen hoffen. So wurden allein in den vergangenen drei Jahren mehr als ein Dutzend neuer Medikamente gegen Krebserkrankungen zugelassen, auch Operationstechniken, Strahlentherapien und die frühzeitige Diagnostik wurden sukzessive verbessert. Ergebnisse sind unter anderem eine inzwischen normale Lebenserwartung bei chronischer myeloischer Leukämie, höhere Heilungschancen und eine längere Lebenserwartung bei Non-Hodgkin-Lymphomen und auch niedrigere Rückfallraten und eine längere Überlebenszeit bei Brustkrebs.

Veränderte Langzeitfolgen

Diese Erfolge haben jedoch auch eine Kehrseite: Verschiedene Krebsformen, die noch vor wenigen Jahren einen akuten Verlauf nahmen, sind heute chronisch - das bedeutet eine längere Lebenserwartung für die Patienten. So nehmen auch Langzeitfolgen der Therapie an Bedeutung zu. Neben körperlichen Nebenwirkungen rücken dabei psychische und soziale Aspekte in den Vordergrund. Viele Patienten sehen sich mit negativen finanziellen und sozialen Auswirkungen konfrontiert.

So haben Krebspatienten eine schlechtere berufliche Prognose und sind damit wirtschaftlich weniger gut gestellt. Mit zusätzlichem Blick auf die Herausforderungen des demografischen Wandels betont Mathias Freund, früherer Direktor der Medizinischen Klinik III der Universität Rostock und heute Vorsitzender der DGHO (Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie): "Unser aller Aufgabe wird es sein, dafür zu kämpfen, dass ältere Patienten nicht aufgrund ihres Alters bei therapeutischen Entscheidungen bewusst oder unbewusst benachteiligt werden".

In dieselbe Kerbe schlägt auch Onkologe Samonigg: "Wir müssen uns vor einem therapeutischen Nihilismus hüten." Auch wenn die Krebstherapie mit zunehmendem Alter diffiziler werde, so hätten doch auch hochbetagte Patienten das Anrecht auf dieselben Interventionen und Bemühungen seitens der Therapeuten wie jüngere Erkrankte - auch wenn es komplizierter sei.

Und warum ist es komplizierter? "Untersuchungen haben gezeigt, dass bei fast allen Patienten ab 60 Jahren eine Komorbidität vorliegt, ab etwa 80 Jahren leiden Krebspatienten meist an drei bis vier zusätzlichen Erkrankungen." Und natürlich, erläutert Samonigg, beeinflusse die Krebstherapie die Begleiterkrankungen, es komme zu medikamentösen Wechselwirkungen zwischen den verabreichten Onkologika und den anderen Arzneien - "und gerade hier liegt die große Herausforderung der Zukunft: Wir wissen noch zu wenig über dieses Wechselspiel." Umso entscheidender sei es, ältere Patienten in einem interdisziplinären Team zu behandeln - dann seien auch die Behandlungschancen recht gut.

Präventionspotenziale

Bleibt noch die Frage nach einer möglichen Vorsorge, die Samonigg ganz simpel beantwortet: "Lebensstil!" Kein Nikotin, gesunde Ernährung und viel Bewegung bieten einen gewissen Schutz - selbst im Alter. Denn wenn auch die Gesamtzahlen an Krebserkrankungen aufgrund des demografischen Wandels anstiegen, so könne man laut dem Grazer Experten inzwischen doch in einzelnen Altersgruppen der Menschen zwischen 50 und 70 Jahren einen Rückgang der Häufigkeit feststellen. Und dies liege nicht zuletzt an der primären Prävention, den Lebensstil betreffend: Ein entsprechendes Gesundheitsbewusstsein setze sich langsam, aber deutlich in der Gesellschaft durch. (Andreas Feiertag, DER STANDARD, 18.10.2013)

  • "Unser aller Aufgabe wird es sein, dafür zu kämpfen, dass ältere Patienten nicht aufgrund ihres Alters bei therapeutischen Entscheidungen bewusst oder unbewusst benachteiligt werden", sagt Krebsexperte Mathias Freund.
    foto: dr. cecil h. fox / photoresearchers / picturedesk.com

    "Unser aller Aufgabe wird es sein, dafür zu kämpfen, dass ältere Patienten nicht aufgrund ihres Alters bei therapeutischen Entscheidungen bewusst oder unbewusst benachteiligt werden", sagt Krebsexperte Mathias Freund.

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