Von Menschen, Würmern und Schweinen

17. Oktober 2013, 17:29
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Der höchst eigenwillige US-Independent-Regisseur Shane Carruth hat mit "Upstream Color" seinen zweiten Spielfilm gedreht. Die Viennale ergänzt diese zutiefst rätselhafte Sci-Fi-Erzählung um die Wiederaufführung von Carruths Debüt "Primer"

Ein Mann sitzt in einem Schweinekoben und hört das Universum ab: So könnte man eine Szene in Shane Carruths zutiefst rätselhaftem Film Upstream Color beschreiben, die vielleicht einen Schlüssel zu dieser Erzählung enthält. Denn der Regisseur macht etwas Ähnliches mit seiner Kamera. Er hält sie hinein in die Welt und entnimmt Proben. Was sich daraus zusammensetzt, ist nur in Ansätzen ein kohärentes Geschehen. Der Mann mit den Schweinen trägt keinen Namen, nur eine Bezeichnung: Er ist "the sampler". Auch darin verbirgt sich eine Spur, die auf die Erzählung zurückzuweisen scheint. Denn die Techniken des Zitierens, Umstellens, Kombinierens sind essenziell für Verfahrensweisen der Moderne.

Alles handgemacht

Doch Shane Carruth baut Upstream Color nicht aus vorhandenen Bestandteilen. Alles ist originär, alles ist handgemacht, in einem kleinen Gag macht er sich sogar über die digitalen Spezialeffekte lustig, die wie in Laboren gefertigt werden. Eine junge Frau namens Kris hat in einer dieser Tech-Companys gearbeitet, doch dann begann ihr Leben auseinanderzufallen. Sie wird zum Opfer eines biologischen Anschlags. Sie trinkt etwas Falsches, danach hat sie Würmer, die aber nicht unerkannt im Organismus leben, sondern ihren Weg durch die äußeren Blutgefäße suchen. Sie wölben die Haut, voll Entsetzen greift Kris zum Messer und versucht die Invasoren zu entfernen.

Die Szenen erinnern an Sci-Fi-Klassiker wie Invasion of the Bodysnatchers, doch mit Außerirdischen hat Carruth nichts am Hut. Upstream Color gehört aber doch im weitesten Sinn in diesen Kontext. Dietmar Dath schreibt von "einem der besten Filme", die in diesem Genre je gedreht wurden. Der Film ist allerdings so gebaut, dass er jede Emphase gleich wieder verschlingt.

Bevor man noch versucht, einen Plot zusammenzusetzen, muss man das monadische Konstruktionsprinzip auf sich wirken lassen. Einstellung folgt, wie in jedem Film, auf Einstellung. Doch die üblichen Kontinuitätsregeln sind im Detail aufgehoben; im Ganzen allerdings behält Carruth sie bei, die Figuren behalten eine wiedererkennbare Identität, zwischen Kris (Amy Seimetz) und einem jungen Mann namens Jeff (Carruth selbst) kommt es sogar zu einer Beziehung, am Ende gibt es so etwas wie ein Exodus-Motiv, das Menschen und Schweine verbindet.

Doch im Grunde macht Carruth eine Kette aus (häufig technisch verstärkten) Sinneseindrücken. Das Prinzip erinnert an Brian Marksons großartigen Roman Wittgensteins Mätresse, der heuer auf Deutsch erschien und der konsequent aus Gedankensplittern gebaut ist. Die Teile kommunizieren natürlich trotzdem miteinander, denn wir sind es ja, die den Film sehen, und unser Bewusstsein arbeitet unweigerlich synthetisch. So wird aus der Montage eine Osmose. Alles durchwirkt alles, der atmosphärische Soundtrack soll dabei nicht vergessen werden.

Shane Carruth machte vor fast zehn Jahren mit Primer zum ersten Mal auf sich aufmerksam, ein Bastelfilm (in mehrfacher Hinsicht), von dem kolportiert wird, er hätte 7000 Dollar gekostet. Auch dort spielt der Regisseur eine Hauptrolle, und wir bekommen vielleicht sogar einen Einblick in die Welt, der dieses wahrhaft unabhängige Kino entstammt. Es ist die Welt der Nerds, die in Garagen an abstrusen Geräten bauen. Ihr Habitus verweist allerdings auf die Hoffnungsträger der modernen Informationsökonomien: Hemd, Krawatte, Strubbelhaar. Der erste Gedanke, der ihnen entfährt, nachdem sie einen Pilz gefunden haben, der auf unerklärliche Weise schnell wächst: "We're gonna publish!" Erst danach wenden sie sich dem Versuch zu, mit Zeitreisen auf den Börsenkursen zu reiten. Wenn sie aus der Maschine plumpsen und dabei nicht genau auf die Uhr geschaut haben, ist ihnen schlecht.

Primer ist um die Fantasie einer unerschöpflichen Energiequelle herum gebaut. Dabei hat Carruth diese immer schon gefunden: Es ist natürlich das Bewusstsein selbst, das er allerdings auf seine prekären organischen Grundlagen zurückführt.

(Un)umkehrbare Prozesse

Mit Primer hat er einen Klassiker der Selbstreferenz geschaffen: Der Film ist selbst jene "box", von der die Männer sich den Durchbruch erhoffen. Man speist etwas ein, es kommt etwas heraus. Dazwischen vergeht Zeit, der Raum wird gefüllt, es passiert eine Menge, was schwer zu verstehen ist. In Upstream Color verweist schon der Titel auf die Vorstellung, es könnten Prozesse umkehrbar gemacht werden. Der entscheidende, irreversible Prozess ist dabei wohl der der Zivilisation. Darauf verweist das deutlichste literarische Signal, das Carruth gibt:

Thoreaus individualistischer Klassiker Walden wird zur einigenden Botschaft für versprengte Menschen, die sich aufmachen, ein paar Schweine zu befreien, weil sie annehmen müssen, dass sie mit ihnen in Verbindung stehen. Diesen komplexen Verbindungen, auf denen das Leben in den modernen Zivilisationen beruht, spürt Shane Carruth, der Zauberlehrling unter den US-Independent-Regisseuren, auf eine beunruhigende Weise nach. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 18.10.2013)

Upstream Color: 26.10., Stadtkino, 21.00; 6.11., Urania, 23.30;

Primer: 26.10., Stadtkino, 23.30; 6.11., Urania, 11.00

  • Momente des Innehaltens in einer verstörenden Realität: Regisseur und Hauptdarsteller Shane Carruth und Amy Seimetz in "Upstream Color".
    foto: viennale

    Momente des Innehaltens in einer verstörenden Realität: Regisseur und Hauptdarsteller Shane Carruth und Amy Seimetz in "Upstream Color".

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