Der letzte große Clown des alten Hollywood

17. Oktober 2013, 17:23
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Der US-Filmkomiker Jerry Lewis wird mit der diesjährigen Retrospektive im Filmmuseum umfassend gewürdigt: Wiederzuentdecken ist ein singulärer, auch umstrittener Künstler, der mehrere Jahrzehnte Filmgeschichte prägte

Ein wiederkehrendes Motiv in den Filmen von Jerry Lewis sind dessen Tanzsoli: Fast unwillkürlich nimmt sein Körper eine Melodie auf, gibt sich ihr in enthemmten, deshalb aber nicht unbedingt uneleganten Zuckungen hin, während die Handlung für ein paar Minuten aussetzt. Es gibt auch großartige Paartanzszenen in seinen Filmen (mit George Raft in The Ladies Man zum Beispiel), aber der quintessenzielle Lewis-Tanz hat keinen Partner, keinen narrativen Rahmen und, selbst wenn er auf einer Bühne ausagiert wird, eigentlich auch kein Publikum.

Oft enden die Tänze mit einem verschämten Blick in Richtung Zuschauerraum, wenn Lewis sich notgedrungen wieder zusammenreißen, dem Diktat gesellschaftlicher Zwänge unterwerfen muss. Dieser Tanz ist nicht melancholisch selbstbezogen wie Billy Idols Dancing With Myself, sondern frenetisch selbstvergessen, eher ein Tanz für als einer mit sich selbst. Ein Tanz, der immer etwas zu viel über den Tänzer zu offenbaren scheint.

Der Skandal, der Lewis in mancher Hinsicht noch immer ist, hat vielleicht nicht nur mit den vielbeschworenen kulturellen Differenzen zwischen Amerika (wo er zunächst große Publikumserfolge feierte, von der Kritik aber nie angenommen wurde) und Europa, beziehungsweise vor allem Frankreich zu tun (wo er zum Liebling der intellektuellen Cinephilie avancierte), sondern mehr mit der fast schon exzessiven Intimität dieser Tanzszenen, die auf den ersten Blick nicht so recht kompatibel ist mit jener im besten Sinne populistischen Definition von Entertainment, der sich die Filme ansonsten verschreiben.

Ambivalente Doppelfigur

Die Irritationen, die der letzte große Clown des klassischen Hollywood-Kinos hervorgerufen hat, hängen mit einer sonderbaren Doppelfigur zusammen: Einerseits hat Lewis Film für Film immer extravagantere, durchgeknalltere Kunstfiguren erschaffen; andererseits war er jederzeit bereit, die Schutzhüllen, die ihm diese Verkleidungen zur Verfügung stellten, komplett abzulegen und in all seiner linkischen Ungeformtheit vors Publikum zu treten. Manche seiner Filme, wie das Meisterwerk The Nutty Professor, handeln fast ausschließlich von dieser Ambivalenz.

Die Wiener Retrospektive zeigt das Werk in der ganzen Breite; man kann in ihr nicht nur ein singuläres Genie wiederentdecken, sondern auch einen neuen Blick auf die Wechselfälle von drei Jahrzehnten Filmgeschichte werfen. Die Reihe setzt bei den frühen Buddy-Filmen an, die Lewis gemeinsam mit Dean Martin fast wie am Fließband herunterdrehte - 16 Filme zwischen 1949 und 1956.

Bekannt geworden war das Duo schon einige Jahre früher, als Show-Act in Nachtklubs - nach dem Wechsel ins Kino tat sich der "straight man" Martin mit seinen schon in den 1950er-Jahren leicht angestaubt anmutenden Crooner-Gesangsnummern bald schwer neben dem unberechenbaren (und fast zehn Jahre jüngeren) Lewis. In der Backstage-Komödie The Stooge, einem ihrer schönsten Filme, denken sie sehr direkt über die gemeinsame Arbeit nach: Zunächst ist es noch der arrivierte Sänger Martin, der den ewig kindlichen und bis zur Selbstverleugnung loyalen Lewis als integralen Teil seiner Show akzeptieren muss. Am Ende tritt er einen Schritt beiseite, Lewis steht im Zentrum der Bühne, alleine im Rampenlicht - und er beginnt zu tanzen.

Die Solo-Glanztaten der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren sind eng verbunden mit einer weiteren Kollaboration: Frank Tashlin wurde zu Lewis' Lieblingsregisseur und zu einem Lehrmeister, der dessen eigene Regiekarriere entscheidend mit vorbereitete. Der vielleicht beste und mit Sicherheit sonderbarste Film der Tashlin-Phase ist The Geisha Boy, in dem die zunächst gut geölten Nonsense-Routinen von einem japanischen Buben mit gnadenlosem, fast schon waffenscheinpflichtigem Hundeblick zuerst abrupt ausgebremst und dann in ein bizarres Slapstick-Melodram überführt werden. Die überlebensgroße Sentimentalität, die den Film wie eine Flutwelle überschwemmt, nimmt viel von jenen späten, brüchigen Lewis-Filmen vorweg, die den Komiker überhaupt erst zu einer umstrittenen Figur gemacht haben.

In seinen ersten eigenen Regiearbeiten mobilisierte der "total filmmaker" Lewis noch einmal den gesamten Apparat des klassischen Studiokinos - insbesondere The Ladies Man (1961), vollständig gedreht in einem einzigen, mehrstöckigen Set, ist schon in technischer Hinsicht eine Meisterleistung.

In den späten 1960ern beginnen die Filme, parallel mit dem Studiosystem, an der Oberfläche zu zerfallen - und legen dabei den hochpersönlichen Kern der Lewis'schen Komik offen, der in der unbedingten Affirmation der eigenen Neurosen zu bestehen scheint. In der Kriegsgroteske Which Way to the Front? (1970) gründet Lewis mit einer Gruppe Aussortierter konsequenterweise gleich seine eigene Armee; danach konnte er zehn Jahre lang keinen Film mehr fertigstellen.

Das Comeback in den 1980ern wurde dann, angefangen mit dem grandiosen Hardly Working, endgültig zu einem einzigen, hemmungslos sentimentalen Tanz eines der größten Idiosynkraten der Filmgeschichte für sich selbst. (Lukas Foerster, DER STANDARD, 18.10.2013)

18.10. bis 24.11. im Östereichischen Filmmuseum (teils mit Einführungen)

Diskussionsrunden: "Call me Mr. Lewis" am 27. 10., "Safety Last: From Lewis to Ferrell" am 5. 11., jeweils Festivalzentrum, 18.00

  • Exzessive Komik, frenetische Selbstvergessenheit, notorische Überforderung: Jerry Lewis inszeniert sich 1961 in Kalamitäten und in einer Glanzrolle als "The Ladies Man", allein unter den Bewohnerinnen eines Frauenpensionats.
    foto: viennale

    Exzessive Komik, frenetische Selbstvergessenheit, notorische Überforderung: Jerry Lewis inszeniert sich 1961 in Kalamitäten und in einer Glanzrolle als "The Ladies Man", allein unter den Bewohnerinnen eines Frauenpensionats.

  • Erweitert seine Kompetenzen und wird ab den 1960er-Jahren endgültig zum "totalen Filmemacher".
    foto: österreichisches fimmuseum

    Erweitert seine Kompetenzen und wird ab den 1960er-Jahren endgültig zum "totalen Filmemacher".

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