"Wir sollten das Thema Sterbehilfe diskutieren"

Interview18. Oktober 2013, 05:30
215 Postings

Eva Mückstein zieht für die Grünen in den Nationalrat und wird voraussichtlich Sprecherin für den Bereich Gesundheit

Eva Mückstein wird Ende Oktober für die Grünen in den Nationalrat einziehen und voraussichtlich für den Bereich Gesundheit zuständig sein. Die einstige Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie spricht im Interview mit derStandard.at zum Start der Interviewserie mit den Newcomern im Hohen Haus über ihre wichtigsten Agenden in der Gesundheitspolitik. So ortet Mückstein "gravierende Versorgungsmängel, etwa im Bereich Psychotherapie und Kindergesundheit. Außerdem spricht sich Mückstein für eine breite Debatte zum Thema Sterbehilfe aus. Auch aufgrund der demografischen Entwicklung werde Sterbehilfe ein "großes Thema" werden.

derStandard.at: Sie werden für die Grünen voraussichtlich als Gesundheitssprecherin in den Nationalrat einziehen. Was war Ihre Motivation in die Politik zu gehen?

Mückstein: Ich werde mich als Gesundheitssprecherin bewerben und es gibt auch sehr viele positive Signale in dieser Richtung. Vor drei Jahren bin ich in den Gemeinderat von Bad Vöslau gegangen. Dort habe ich eine Ortsgruppe aufgebaut, die sehr gut arbeitet und gut ankommt. Ich denke, dass es wichtig ist, sich politisch zu engagieren und die eigenen Lebensverhältnisse mitzugestalten. Ich war über 20 Jahre im gesundheitspolitischen Umfeld tätig und bringe auf diesem Gebiet viel Erfahrung und Expertise mit.

derStandard.at: Wofür werden Sie sich als Gesundheitssprecherin einsetzen?

Mückstein: Ich habe mir vorgenommen, gesundheitspolitische Themen besonders in Hinblick auf Auswirkungen für sozial Benachteiligte anzuschauen. Gesundheit hängt sehr stark von sozioökonomischen Verhältnissen, vom Einkommen, der Bildung, der Arbeit, den Wohnverhältnissen und von der Ernährung ab. Es ist extrem wichtig, dass jede und jeder die bestmögliche Versorgung bekommt und zwar unabhängig vom Einkommen. Durch das neue Gesundheitsreformgesetz befürchte ich, dass Leistungen eingeschränkt werden und es zu regelrechten Nadelöhren beim Zugang zu Behandlungen kommt. Vor dieser Entwicklung warne ich eindringlich.

derStandard.at: Welche konkreten Maßnahmen wollen Sie setzen?

Mückstein: Es gibt gravierende Versorgungsmängel, etwa im Bereich Psychotherapie und Kindergesundheit. Kinder, die für ihre Entwicklung bestimmte Therapien brauchen, etwa Logopädie, Physiotherapie oder Ergotherapie, sind in Österreich unterversorgt. Diese Therapien werden nicht im ausreichenden Maß auf Krankenschein zur Verfügung gestellt. In vielen Instituten wartet man ein Jahr auf eine entwicklungsdiagnostische Untersuchung. Manche haben sogar ihre Wartelisten gesperrt. Kinder befinden sich aber mitten in der Entwicklung. Daher wirken sich gerade bei ihnen solche Versäumnisse fatal aus. Im niedergelassenen Bereich müssen Eltern zudem hohe Beträge für die Gesundheit ihrer Kinder aus der eigenen Tasche bezahlen. Viele können sich das aber nicht leisten. Das gleiche Problem haben wir bei der Psychotherapie.

Ich werde mich dafür einsetzen, dass psychische Erkrankungen genauso anerkannt werden wie körperliche und dass mit psychisch kranken Menschen respektvoll umgegangen wird. Versorgungsleistungen für psychisch kranken Menschen müssen unbedingt ausgebaut werden. Niemand in der Gesellschaft sollte sich für psychische Probleme schämen müssen. Ein Großteil jener Menschen, die psychische Probleme haben, hat noch immer keine Chance, zur fachgerechten Behandlung zu kommen.

derStandard.at: Die Grünen plädieren immer dafür, die Gesundheitsprävention zu verstärken. Sollte man das mehr über Vorschriften und Verbote machen?

Mückstein: Prävention sollte in erster Linie auf Bewusstseinsbildung und Aufklärung setzen und das möglichst früh beginnend. In Österreich hat man die Vorstellung, Prävention kostet nichts. Aber Prävention ist – will sie wirkungsvoll sein - ein langfristiger Prozess und man muss Geld dafür in die Hand nehmen. Ich glaube nicht, dass Menschen über Verbote lernen, sondern über Verstehen und Erkennen.

derStandard.at: Im grünen Grundsatzprogramm heißt es: "Die autonome Entscheidung Todkranker über ein Sterben in Würde stellt für die Grünen einen hohen Stellenwert dar, der im Sinne der Patientenverfügung zu respektieren ist." Wie wichtig ist das Thema Sterbehilfe für die Gesellschaft?

Mückstein: Das sind sehr komplexe und gesamtgesellschaftlich relevante Themen, die auch in der Bioethikkommission noch sehr kontroversiell diskutiert werden. Ich glaube, dass dieser Diskurs viel stärker in die Öffentlichkeit transportiert werden soll. Es soll sich nicht nur eine kleine Gruppe von Experten mit diesem Thema beschäftigen. Wir sollten das Thema Sterbehilfe in der Politik und in der Gesellschaft allgemein diskutieren. Es handelt sich dabei um existenzielle und ethische Fragestellungen, die man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten kann.

derStandard.at: Bisher hat man in Österreich das Thema Sterbehilfe höchstens gestreift. Denken Sie, das wird sich ändern?

Mückstein: Ja, Sterbehilfe wird ein großes Thema werden, auch aufgrund der demografischen Entwicklung. Wir haben immer mehr alte Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Thema Tod gerne auf die Seite geschoben wird. In der Palliativ- und Hospizversorgung gibt es noch sehr viel zu tun. Und wir müssen darüber sprechen, wie man mit dem Wunsch umgeht, wenn jemand sterben will. Eindeutige Antworten wird es noch länger nicht geben. Diese können sich nur aus gesamtgesellschaftlichen Reifungs- und Entwicklungsprozessen ergeben.

derStandard.at: Wie stehen Sie persönlich zu dieser Frage?

Mückstein: Ich spüre in mir sehr viele Für und Wider. Einerseits habe ich großen Respekt vor der Selbstbestimmtheit eines Menschen und ich weiß auch, wie unerträglich körperliches und seelisches Leid sein kann. Auf der anderen Seite: Wenn ich daran denke, was es für die Angehörigen, Experten und Expertinnen bedeutet, die solche Entscheidungen mittragen, beziehungsweise begutachten müssen und damit sehr viel Verantwortung auf sich nehmen, dann stellen sich mir mehr offene als beantwortete Fragen.

derStandard.at: In Österreich werden solch heikle Themen lieber nicht diskutiert. In Belgien etwa ist aktive Sterbehilfe seit Jahren erlaubt.

Mückstein: Die Diskussionskultur in Österreich ist mittelmäßig, vor allem wenn es um ethisch heikle Themen geht, die man gerne verdrängt oder in den Schatten stellt. Das Altwerden insgesamt wird eher weggeschoben. Deshalb wird auch zur Euthanasie kein breiter und offener Diskurs geführt.

derStandard.at: Noch ein Fundstück aus dem grünen Grundsatzprogramm: Die Grünen sprechen sich darin für die Legalisierung von Cannabis aus. Tragen Sie das mit?

Mückstein: Ich bin vor allem für die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken, wenn es für die Behandlung sinnvoll eingesetzt werden kann. Grundsätzlich glaube ich, dass Suchtproblematiken nicht kriminalisiert werden sollten. Suchtbetroffene brauchen eine fachgerechte Behandlung.

derStandard.at: Die Grünen werden immer wieder gefragt, ob sie es sehr bedauern, nicht in der Regierung zu sein. Wie stehen Sie dazu, dass Sie als Oppositionspolitikerin in den Nationalrat einziehen?

Mückstein: Es wäre schön gewesen, in der Regierung mitzugestalten. Es hätte dem Land auch gut getan. Nun aber werden wir gute Oppositionspolitik machen. Wir sind eine der wenigen Parteien, die dazugewonnen haben. Bei den Grünen geht es sehr stark um Haltungen und um Wertvorstellungen, die in der Gesellschaft langsam aber sicher an Bedeutung gewinnen.

derStandard.at: Abseits von der Gesundheitspolitik. Was ist Ihnen sonst noch wichtig?

Mückstein: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Wir müssen die Aufspaltung der Gesellschaft bekämpfen. Es braucht eine gute Sozialpolitik, die auf die Benachteiligten schaut. Ich denke, dass wir ganz besonders auch in der Wirtschaftspolitik Themen vorfinden, die für die Zukunft entscheidend sind. Ich bin für eine globalisierungs- und kapitalismuskritische Positionierung. Die Grünen werden sich außerdem mehr um Klein- und Mittelbetriebe kümmern. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 18.10.2013)

Eva Mückstein (54), ist seit 2010 Vorsitzende der Grünen Bad Vöslau. Von 2007 bis zum Juni 2013 war die Psychotherapeutin Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie.

  • Eva Mückstein wird voraussichtlich neue Gesundheitssprecherin der Grünen.
    foto: corn

    Eva Mückstein wird voraussichtlich neue Gesundheitssprecherin der Grünen.

Share if you care.