"Für mich ist das Ausgrenzung"

17. Oktober 2013, 14:17
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Eigentlich sollte hierzulande die volle Teilhabe am Bildungssystem für behinderte Menschen seit 2008 selbstverständlich sein. Die Realität ist anders, oft bunter

Im Chronikteil des "Kurier" werden ohne viel "Wenn und Aber" Fakten geschaffen: "Zweiter Ausbau für Sonderschule beschlossen" steht da über einem Foto von Bürgermeister und Gemeinderäten. Denn "die Allgemeine Sonderschule in Fischamend (...) platzt aus allen Nähten. Seit Jahren gibt es steigende Schülerzahlen."

Vielfalt statt Aussortieren

Dabei ist die politische Richtung, in die es gehen soll, spätestens seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 klar: Weg vom Aussortieren, hin zur Inklusion. Das heißt, knapp verkürzt, laut Deutschem Inklusionslexikon: Vielfalt wertschätzen statt ausgrenzen. Anderssein anerkennen statt marginalisieren. Und, vielleicht der stärkste Unterschied zur bislang oft angestrebten Integration: Das Potenzial jedes Einzelnen wertschätzen statt einfach nur bislang Getrenntes zusammenführen.

Das alles auch im Schulalltag zu leben, dazu hat sich Österreich also bereits 2008 verpflichtet. Wie das mit dem Ausbau der Sonderschule Fischamend zusammen passt? Ob der inklusive Weg immer automatisch der bessere ist? Wie Eltern auch im Jahr 2013 darum kämpfen müssen, damit ihr behindertes Kind ein selbstverständlicher Teil der Schulgemeinschaft sein kann? Diese Fragen lassen sich leichter beantworten, wenn man Lars, Carolina und Emilia kennt.

"Etwas stur"

Beim Gespräch mit derStandard.at  ist Lars auf der anderen Seite des Telefonhörers zu hören. Er  quietscht freudig während er seiner Mutter Lilly Steiner um die Füße schleicht. Dass der Dreieinhalbjährige an diesem Vormittag überhaupt zu Hause und nicht im Kindergarten  ist, ist der eigentliche Kern des Problems. "Lars hätte in die Gruppe der Kindergartenleiterin kommen sollen, weil dort bereits eine Stützkraft für zwei andere behinderte Kinder vorhanden ist", erzählt Frau Steiner. Und die braucht Lars, denn er ist ein Kind mit Down-Syndrom. Das heißt in seinem Fall laut Mama Lilly: "Er ist etwas stur. Wenn er etwas nicht will, dann macht er das auch nicht. Das ist das Allerschwierigste." Darüber hinaus spricht er nur wenig, kann sich aber mit Zeigen und Deuten verständlich machen. Und er trägt Windeln.

Doch nicht nur Lars ist nach Ansicht Lilly Steiners stur, sondern auch der Kindergarten. Denn die von der Kindergartenleitung vorgeschlagene Gruppe hätte für den Dreieinhalbjährigen zwei gravierende Nachteile gehabt: Er wäre nicht, wie von Therapeuten empfohlen, in eine Gruppe mit gleichaltrigen Kindern gekommen. Und: Er wäre von seinen Freunden getrennt worden.

Ausgrenzung, nicht Inklusion

In den Aufbau dieses Freundesnetzwerkes hat Frau Steiner viele Jahre Arbeit hineingesteckt: Sie hat Babytreffs organisiert, eine Kinderturngruppe und eine Mütterrunde geleitet. Alles, damit Lars ein stabiles soziales Umfeld hat. Nebenbei geht Lars reiten, malen, in die Ergo- und zur Sprachheiltherapie. Würde er unter den gebotenen Bedingungen den Kindergarten besuchen, bliebe dafür nur mehr am Nachmittag Zeit. Da will er jetzt aber seine alten Freunde treffen. Einziger Ausweg: Lars bleibt zu Hause. Die Therapien besucht er jetzt am Vormittag, die Freunde sieht er am Nachmittag.  Und Frau Steiner hält für sich fest: "Für mich ist das Ausgrenzung, nicht Inklusion." Spätestens wenn ihr das verpflichtende Kindergartenjahr bevorsteht, will sie vor Gericht gehen und für ihren Sohn kämpfen.

Kampf trotz Hilfsbereitschaft

Doris Fournier hat eineinhalb Jahre lang für ihre Tochter Carolina gekämpft. Nicht vor Gericht. Das war nicht notwendig. Denn eigentlich wollten ihr immer alle helfen. Bis Carolina in der ersten Klasse Gymnasium angelangt ist, war es trotzdem ein Kampf.

Dabei war es für die alleinerziehende Mutter zu Beginn gar nicht so klar, dass sie all die Anstrengungen für den weiteren Bildungsweg ihrer Tochter unternehmen will. "Ich habe zuerst gedacht, wenn es gar nicht anders geht, werde ich mit der Sonderschule leben müssen", erzählt sie. Als dann aber auch die Volksschullehrerin nachdrücklich dazu geraten hatte, das muskelkranke Mädchen ins Gymnasium zu schicken, ist Frau Fournier auf unerwartete Hindernisse gestoßen.

Erste Minderjährige mit persönlicher Assistenz

Denn Carolinas Muskelatrophie bringt es mit sich, dass ihre Arme und Beine schwach sind, dass ihr Körper nicht macht, was sie will. Sie sitzt also im Rollstuhl, ist bei vielen körperlichen Tätigkeiten auf die Hilfe anderer angewiesen. "Trotzdem hat es lange Zeit geheißen, es sei überhaupt kein Problem, dass Carolina ein Gymnasium besucht", sagt Doris Fournier. Dann plötzlich kam die Frage: "Ach so, sie kann nicht alleine aufs Klo gehen? Das geht dann nicht."

Da ihr Zivildiener dabei nicht helfen durften, machte sich Frau Fournier auf die Suche nach Alternativen. Heute ist Carolina die erste Minderjährige Österreichs mit persönlicher Assistenz. Das heißt, dass sie  stets junge Mitarbeiterinnen der Wiener Assistenzgenossenschaft um sich hat, die ihr die Schultasche tragen, ihr das Lernmaterial aus dem Spint holen, das Federpenal und die Bücher öffnen.

Nicht wie jeder andere

Das funktioniert, mehr oder weniger. Davon, dass Carolina wie jede andere Schülerin behandelt wird, ist Familie Fournier noch weit entfernt: "In der Nachmittagsbetreuung wird sie nicht genommen. Und auch wenn ein Schulausflug einmal länger dauert, gilt das nicht als Schulstunde. Die persönliche Assistenz kann also nur dann anwesend bleiben, wenn Gutstunden vorhanden sind.  Auch bei der Ferienbetreuung "fällt Carolina komplett aus dem Raster". Dafür kommen  Physiotherapeutinnen regelmäßig zu ihr an die Schule. Das ist das Ergebnis von persönlichem Einsatz einer Lehrkraft. "Einen Folder darüber, welche Unterstützungen man in einem Fall wie unserem bekommt, gibt es nicht", beschreibt Doris Fournier die Ausnahmesituation, in der sich ihr Kind im Regelschulbetrieb befindet.

Zumutung

Der Bildungsweg vieler behinderter Minderjähriger verläuft anders. 13.748 Kinder besuchten laut Statistik Austria im vergangenen Schuljahr eine der 313 heimischen Sonderschulen. Im  Jahr 1923 waren es noch 5.160. Am Höhepunkt der Beschulung behinderter Kinder in eigens für sie geschaffenen Lernumgebungen  im Schuljahr 1970/71 wurden 29.172 Schüler in Sonderschulen gezählt. Danach gingen die Schülerzahlen wieder hinunter. Erst zwischen 2010 bis 2012 kam es wieder zu einem Zuwachs von rund 550 Sonderschülern.

Für Marianne Schulze ist Österreichs Verhalten bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention "ein hübsches politisches Geplänkel, aber in der praktischen Umsetzung eine Zumutung". Als Vorsitzende des Monitoringausschusses ist es Schulzes Aufgabe, genau diese Umsetzung genau zu beobachten.

Verständigungsschwierigkeiten

Auch die UNO zeigte sich beim Überprüfen der Österreichischen Bemühungen um Gleichstellung von behinderten Menschen, enttäuscht. Denn neben "unzureichenden Anstrengungen" scheitere es schon an Grundsätzlichem: So ist das Komitee "besorgt", dass die deutsche Übersetzung der Konvention deren Bedeutung "nicht genau wiedergibt". Denn, statt "Inklusion" ist dort ständig von "Integration" die Rede und inhaltlich würde gegen die ständig steigenden Zahlen von Sonderschülern zu wenig unternommen.

Schwierige Kinder

Steigende Zahlen von Sonderschülern? Da ist es wieder, das Sonderpädagogische Zentrum Fischamend, das laut Medienberichten "aus allen Nähten" platzt. Dessen Leiterin, Eva Steininger, kümmert sich im Moment um 45 "schwerstbehinderte, lernauffällige oder verhaltensauffällige Kinder". Als sie vor 27 Jahren ihre Arbeit als Sonderschullehrerin begonnen hat, habe es nur vereinzelt so genannte "schwierige Kinder" gegeben. Die Mehrheit waren "lernbehinderte" Kinder.  Frau Steiniger weiß um die Problematik ihres Schulmodells,  nicht nur um das Stigma der "Depperlschule", sondern auch um die berechtigte Kritik am Ansatz des Aussortierens.

Trotzdem ist sie überzeugt davon, dass für einige Kinder das Lernen in Kleingruppen mit sechs bis zehn Kindern und zwei Lehrkräften die Sonderschule derzeit der bessere Lernort ist. Für Emilia etwa, die mit ihren elf Jahren sowohl geistig als auch körperlich stark entwicklungsverzögert ist. "Sie kann erst seit ein paar Jahren gehen. Reden kann sie nicht. Sie braucht eine Windel und eine ständige Begleitperson", erzählt ihr Vater Andreas Schneider im Gespräch mit derStandard.at. Für ihn war genau diese persönliche Betreuung, die für Emilia so wichtig ist, ausschlaggebend für seine Entscheidung für die Sonderschule. Denn das Leben ist eben bunt. (Karin Riss, derStandard.at, 17.10.2013)

  • Ein wertvoller Teil der Gemeinschaft sein, das will das Konzept der Inklusion behinderten Kindern ermöglichen. Die Zahl der Sonderschüler steigt trotzdem und manche, wie Emilias Vater, können das gut verstehen.
    foto: apa/uwe anspach

    Ein wertvoller Teil der Gemeinschaft sein, das will das Konzept der Inklusion behinderten Kindern ermöglichen. Die Zahl der Sonderschüler steigt trotzdem und manche, wie Emilias Vater, können das gut verstehen.

  • Verschiedene Konzepte des Zusammenlebens.
    foto: whitehotaru

    Verschiedene Konzepte des Zusammenlebens.

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