Ein somnambuler Verführer

16. Oktober 2013, 20:11
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Luc Bondy inszeniert am Berliner Ensemble "Don Juan kommt aus dem Krieg"

"Die Grippe zählt immer noch zum Krieg", sagt eine der vielen Damen zwischendurch einmal in Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg. Es ist ein Satz, der so etwas wie einen heimlichen Schlüssel zu diesem nicht allzu oft gespielten Stück enthält, das Luc Bondy am Dienstag im Berliner Ensemble auf die Bühne brachte.

Denn die Frage, was (noch) zum Krieg zählt und wo sich vielleicht Refugien des Friedens finden ließen, stellt sich ja nicht zuletzt angesichts der starken Zeitgebundenheit des Stücks. Es ist direkt auf die Inflationsjahre 1919 bis 1923 gemünzt, und beinahe scheint es, als hätte Bondy während der Proben Kopfzerbrechen darüber bekommen, dass es ihm mit dieser Inszenierung vielleicht so gehen könnte wie den Warnern, die auch in unsere Finanzkrise hinein gern von der großen Geldentwertung menetekeln. Allein, sie kam bisher nicht oder war vielleicht auch immer schon da, da klaffen ja das subjektive Empfinden und die Statistiken ein wenig auseinander.

So könnte es auch dieser leisen Inszenierung ergehen, die sich aller oberflächlichen Aktualisierungen enthält und einen Raum der poetischen Autonomie behauptet. Der Don Juan von Ödön von Horváth ist ein Produkt jener "Schlafwandler", von denen wir in diesem Herbst in Christopher Clarks neuer Großerzählung des Ersten Weltkriegs lesen können. Und beinahe sieht es so aus, als wäre der große Verführer, wie Samuel Finzi ihn zu Beginn zeigt, auch somnambul aus dem Krieg zurückgekehrt - ein Wiedergänger, der seinen Tod noch einholen muss.

Sanft wie Schneeflocken

Sein großes und einziges Ziel ist es, eine Geliebte aus der Zeit vor dem Krieg wiederzusehen. Dass sie seit 1916 nicht mehr am Leben ist, wissen wir im Publikum, nicht aber der angegriffene Held, der Brief um Brief in die Welt hinausschickt. Briefe, die nicht mehr bewirken als ein schneidendes Gelächter bei der Großmutter, die wie ein in ein Sofa verpflanzter Weltenbaum vor sich hin knarrt.

Vom Verführen zeigt Samuel Finzi nur das eine, unabdingbare Element: Anstrengungslosigkeit. Sein Don Juan will gar nicht groß, deswegen bekommt er sie fast alle, die 35 Frauen, die Ödön von Horváth Revue passieren ließ und die auf der Bühne auf elf Darstellerinnen verteilt sind. Es sind lauter gegenwärtige und kommende erste Damen, auch die eine, die nur als Stimme präsent ist: Irm Hermann lässt sich zu Beginn mit einer Überlegung zur (Un-)Zeitgemäßheit des Stücks aus dem Off vernehmen. Swetlana Schönfeld und Kathrin Angerer als Großmutter und Magd bilden ein Paar, das Don Juan in die Zange nimmt, dazwischen tummeln sich etwa Ilse Ritter, Ursula Höpfner-Tabori oder Laura Mitzkus, während Coco König das junge Ding mit den Schlittschuhen spielt, das Don Juan schließlich in einem verhängnisvollen Wäldchen trifft.

Im dritten Akt bedeckt dann ein Leintuch die von Karl-Ernst Hermann zeichensparsam gestaltete Bühne, die in ihrer Abschüssigkeit vielleicht das hervorstechende Merkmal hat. Nun ist Don Juan endgültig der Untote, der er von Beginn an war, auch alle Umwege durch die Kunst, das Kunstgewerbe, die Schieberei können daran nichts ändern. Er muss nur noch den Weg unter das Tuch finden.

Die ganze Verausgabung, die Luc Bondy auf eine einzige komische Don-Giovanni-Nummer konzentriert, hat sich erfüllt in einer Inszenierung, die auf die Stimmung der Inflation eigentlich mit einer Strategie der Deflation reagiert: Bondy nimmt Druck heraus, das Stück schwebt zu seinem traurigen Ende sanft wie die Schneeflocken, die jeder Verausgabung zum Hohn den Sieg in diesem langen Krieg davontragen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 17.10.2013)

  • Samuel Finzi und Kathrin Angerer in der leisen Berliner Inszenierung eines selten gespielten Stücks von Ödön von Horváth.
    foto: braun

    Samuel Finzi und Kathrin Angerer in der leisen Berliner Inszenierung eines selten gespielten Stücks von Ödön von Horváth.

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