Brunnenpassage: Landgang aller mit Brunnhilde

16. Oktober 2013, 18:35
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Hochkulturinstitutionen sind nicht allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen erschlossen. Das Volkstheater macht einen Vorstoß und koproduziert erstmals mit dem Wiener Kunst- und Sozialraum Brunnenpassage

Wien - Wenn die Wiener Sängerknaben in der Brunnenpassage am Wiener Yppenplatz gastieren, dann wird dort nicht zwangsläufig das "Alla Turca" -Programm ausgepackt. Sondern beispielsweise das Wienerlied. Der 2007 gegründete Kunst- und Sozialraum versteht sich zwar als Anlaufstelle für die von vielen Zuwanderern geprägte Bevölkerung rund um den Ottakringer Brunnenmarkt. Aber wer sagt denn, dass sie alle zusammen keine Wienerlied-Fans sind?

Dem mitten im Getümmel in einer ehemaligen Markthalle etablierten Verein, dem die Halle gehört, geht es in erster Linie um Kunstproduktion, und diese schließt gesellschaftliche Auseinandersetzung ohnehin mit ein. Integration? Ist in diesem Fall ein hilfloser Begriff. Doch ganz ohne ihn geht es nicht. Und so hat die Brunnenpassage 2011 auch den Integrationspreis bekommen.

Einerseits ist die Brunnenpasse ein Ort der Ausbildung, beziehungsweise einer zum Mitmachen. Die Teilnahme ist kostenlos. Honorar gibt es deshalb nur in Form von Aufwandsentschädigungen. Hier arbeiten Tanzgruppen, eine DJ-Formation (namens Brunnhilde) oder ein mittlerweile 120-köpfiger Chor. Und erst in einem zweiten Schritt, so die künstlerische Leiterin Anne Wiederhold im Standard-Gespräch, geht man auf Institutionen der sogenannten Hochkultur zu. Seit vier Jahren kooperiert die Brunnenpassage etwa mit dem Wiener Konzerthaus, auch mit dem MuTh (dem neuen Sängerknaben-Haus am Augartenspitz), mit den Wiener Festwochen, oder Salam Orient. Demnächst ist der hauseigene Mammut-Chor zentraler Teil der deutschsprachigen Erstaufführung von David Greigs Breivik-Stück Die Ereignisse am Schauspielhaus Wien.

In der aktuellen Spielzeit koproduziert die Brunnenpassage erstmals mit dem Volkstheater. Für eine eigene Fassung von Shakespeares Sturm greifen die ungleich großen Infrastrukturen von Volkstheater und Brunnenpassage ineinander. Ausnahmezustand Mensch sein (Autor ist Clemens Mädge) hat am 4. April 2014 Uraufführung im Haupthaus.

Volkstheater steht für Vielfalt

"Das Volkstheater steht für Vielfalt", so Direktor Michael Schottenberg bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Das 970-Plätze-Haus am Weghuberpark will einer multikulturellen Gesellschaft entschieden Rechnung tragen. Die Koproduktion mit der Brunnenpassage ist demnach "ein neuer Höhepunkt unserer Vision", so Schottenberg weiter.

30 Laienschauspieler sind an der Inszenierung beteiligt, die der Schweizer Regisseur Daniel Wahl derzeit erarbeitet. Das Stück wird auf Deutsch gespielt, doch weitere neun Muttersprachen sind involviert, und wie man es bei einem Schiffbruch in Shakespeares Sturm erwartet, sind jede Menge Wasser und gestrandete Figuren im Spiel. Dabei werden, so Anne Wiederhold, die Darsteller keinesfalls auf ihre Herkunft reduziert.

Ein Probenbesuch im Sommer hat von der energetischen Dimension des Abends schon einiges preisgegeben. Im Gespräch danach meinte der in Moskau ausgebildete afghanische Schauspieler Ahmad Hamayun (er hat sich mit einem langen Kittel in die Rolle der Miranda eingegroovt), er würde sehr gern viel öfter ins Theater gehen, die europäische Theaterliteratur liege ihm, doch er kann es sich leider kaum leisten.

Den Sound zum Stück macht das DJ-Kollektiv Brunnhilde (u. a. Petra Gros inic). Als guter Geist des Projekts fungiert Karl Markovics, finanziell unterstützt wird es insbesondere von der Bank Austria.

Die Brunnenpassage stemmt über 400 Veranstaltungen pro Jahr. Und weil der bisherige Erfolg den Rahmen sprengt, wird an einem zweiten Standort gebastelt, der in absehbarer Zeit vorgestellt werden soll. Seit Juni ist die Brunnenpassage aber auch unterwegs. Um Menschen weiter an der Peripherie zu erreichen, gibt es das Kunstmobil, eine mobile Bühne, die Beatbox-, Tanz- oder DJ-Programm hinaus in die Stadt trägt.

Manchmal kommen in der Brunnenpassage auch Kinder vorbei, weil sie Hunger haben. Eine Realität, mit der andere Kulturinstitutionen kaum konfrontiert werden. Auch das begreifen Anne Wiederhold und ihr Team als die tägliche Arbeit. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 17.10.2013)

  • Eine buntgemischte Schar Menschen rettet sich in Shakespeares "Sturm" auf die Insel des Prospero. Ab April 2014 im Volkstheater.
    foto: bert schifferdecker

    Eine buntgemischte Schar Menschen rettet sich in Shakespeares "Sturm" auf die Insel des Prospero. Ab April 2014 im Volkstheater.

  • Anne Wiederhold leitet die Brunnenpassage.
    foto: heredia

    Anne Wiederhold leitet die Brunnenpassage.

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