Priester kamen oft bei Louise und Martine

Ansichtssache16. Oktober 2013, 17:23
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Reportage über die ältesten Sexarbeiterinnen Amsterdams auf Arte - Donnerstag, 23.50 Uhr

Wien - Wie jeden Morgen macht sich Martine auf den Weg zur Arbeit. Die kleine, etwas dickliche Dame mit dem kurzen, grauen Haar  verlässt das Haus, geht zur Bushaltestelle. Sie hält mit einer Passantin ein Pläuschchen, scherzt mit dem Buschauffeur."Guten Morgen!“, ruft ihr der Trafikant gut gelaunt zu. "Ohne Sorgen“, antwortet Martine - und: "Kondome brauch’ ich!" Der Trafikant nickt, geht ins Hinterzmmer. "Eine ganze Schachtel, aber von den guten", ruft sie ihm nach: "Und zwei Küchenrollen." Sie zahlt, geht über die Straße, die Kamera hält auf ihr Schuhwerk: Martine trägt Lackstiefel. Im Schaufenster sind drei kleine Schilder angebracht: "Pervers, Sadomaso, Griechisch". Sie tritt ein: "Jetzt kann die Party wieder losgehen." Louise zieht sich um, setzt sich ins Schaufenster und summt "Eine kleine Nachtmusik".

foto: arte

Geradezu beschaulich beginnt "Ruhestand im Rotlichtviertel", Donnerstag, 23.50 Uhr auf Arte. die Geschichte von Martine und Louise, den Zwillingsschwestern, die im Amsterdamer Milieu einen gewissen Berühmtheitsgrad erlangt haben. Sie gelten als die ältesten Prostituierten Amsterdams. Vor 50 Jahren stiegen sie ins horizontale Gewerbe ein. 355.000 Männer haben sie in dieser Zeit bedient, erzählen die Schwestern.

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Dort, wo Frauen in guter, alter Tradition in den Fenstern der Bordelle ihren Körper anbieten und verkaufen, gehörten sie zu den ersten, die sich in den 1970ern von ihren Zuhältern lösten und auf eigene Rechnung arbeiteten.  Der Ruhestand findet allerdings nur bedingt statt. Louise arbeite noch immer, erzählt Martine.

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Mit der staatlichen Grundalterssicherung komme man nicht weit. Sie, Martine, könne nun nicht mehr, alles habe sich verändert und dann noch das Rheuma. Martine malt jetzt und schreibt Erinnerungen auf: „Ich hatte eine Menge Priester. Die sind oft gekommen“, sagt sie. "Regelmäßig“, pflichtet Louise bei. In der Folge erteilt sie den Zuschauern eine detailreiche Lektion über Sadomaso und lässt sich auch ein bisschen dabei zuschauen.

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Würdelos ist das in keinem Moment, denn Rob Schröder und Gabrielle Provaas lassen Martine und Louise genügend Spielraum für unpeinliche Selbstdarstellung. So sieht und hört man gern zu und weiß ohnehin: Über viel Abscheuliches schweigen die Damen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 17.10.2013)

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