Burma: Ein Vielvölkerstaat, viele Probleme

Hintergrund17. Oktober 2013, 14:00
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Eine Anschlagsserie erschüttert das Land - Der Fall verdeutlicht das größte Problem des Landes, das auf die Kolonialzeit zurückgeht

Gut organisiert sollen sie gewesen sein, die Bombenanschläge in Burma (Myanmar) in den vergangenen Tagen. Verübt, um das Image des Landes zu beschädigen, bevor es im Dezember die Südostasienspiele austrägt und Anfang 2014 den Vorsitz der Südostasiatischen Staatengemeinschaft ASEAN übernimmt. Sagt zumindest der Sprecher des Präsidenten Thein Sein. Es könnten Islamisten sein, die sich für die Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya rächen wollen. Das ist die eine Spekulation. Die andere lautet, dass eine der zahlreichen Rebellengruppierungen im Land hinter den selbstgebastelten Sprengsätzen steckt. Ob sich der Verdacht bewahrheitet, lässt sich trotz der Festnahmen von vier Verdächtigen bislang nicht sagen. Auf jeden Fall aber rückt die neuerliche Bombenserie Burmas gravierendstes Problem wieder ins Rampenlicht: Es ist ein Vielvölkerstaat, der nicht recht weiß, was er mit den zahlreichen ethnischen Minderheiten anfangen soll.

Mit rund 676.000 Quadratkilometern ist Burma der größte Festlandstaat Südostasiens. Deutschland könnte darin fast zweimal Platz finden. Zwischen 55 und 60 Millionen Menschen leben im Land, das von Bangladesch, China, Indien, Laos, Thailand und dem Indischen Ozean umgeben ist. Genauere Zahlen existieren nicht, die letzte offizielle Volkszählung wurde vor 30 Jahren durchgeführt. Relativ wahrscheinlich ist, dass die vorwiegend buddhistischen Birmanen auch heute noch rund zwei Drittel der Bevölkerung stellen. Fakt ist auf jeden Fall, dass Harmonie in Burma - mit seinen acht großen und zahlreichen kleinen Ethnien und seinen über 100 Sprachgruppen - ein Fremdwort ist. Und das seit Jahrzehnten. Mitverantwortlich für diese Misere ist Großbritannien, das in Burma von 1885 bis 1948 als Kolonialmacht herrschte.

Die Briten teilten die Verwaltung ihrer Kolonie auf. Die äußeren Regionen durften ihre Strukturen weitgehend behalten und standen nur indirekt unter der Herrschaft Londons, während die Kerngebiete direkt verwaltet wurden. Dort lebten vorwiegend Birmanen, die dadurch Zugang zu westlichem Wissen und Fortschritt bekamen. In den äußeren Regionen war man sich des Nachteils bewusst, dementsprechend entwickelten sich die Ressentiments gegenüber den Birmanen.

Auch die hart erkämpfte Unabhängigkeit im Jahr 1948 änderte an der Heterogenität der Bevölkerung nichts. Aung San, Anführer der burmesischen Unabhängigkeitsbewegung, startete bereits vor dem Abzug Großbritanniens eine Initiative, um das Land zu einen. Dem Vater der heutigen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi gelang es im Februar 1947, zumindest die Minderheiten der Shan, der Kachin und der Chin beim Panglong-Abkommen mit an Bord zu holen. Dieses sieht für die verschiedenen Ethnien volle Unabhängigkeit in einer föderal organisierten Union von Burma vor. Doch genauso wie Aung San, der nur wenige Monate später erschossen wurde, hatte auch sein Abkommen nicht lange Bestand. Die Minderheiten griffen rasch zu den Waffen, um gegen die Bevormundung durch die Zentralregierung vorzugehen und für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Die darauffolgenden Regierungen scheiterten an der Aufgabe, ihre Interessen mit jenen der Minderheiten unter einen Hut zu bringen und das Land zu stabilisieren.

Februar 2012: Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi hält anlässlich des 97. Geburtstags ihres Vaters Aung San eine Rede. Der burmesische Nationalheld wollte dem Land mit dem Panglong-Abkommen Stabilität verleihen. Ohne Erfolg. (Foto: AP / Khin Maung Win)

Die instabile Lage des Landes nahm das Militär als Vorwand, um 1962 die Macht an sich zu reißen. Unter der neuen Führung erreichten die ethnischen Konflikte eine neue Dimension, die Militärjunta setzte dabei nämlich verstärkt auf Feuerkraft. Doch auch innerhalb der Minderheiten kam es im Laufe der Zeit zu Meinungsverschiedenheiten. Einzelne Fraktionen schlossen ab den 1990er-Jahren Waffenstillstandsabkommen mit den Militärs, um gemeinsam mit ihnen von den großen Rohstoffvorkommen in den jeweiligen Randregionen zu profitieren. Dies führte auch dazu, dass die nicht kooperierenden Minderheiten sukzessive vertrieben wurden, um die Bodenschätze in Ruhe abbauen zu können. Millionen von ihnen leben noch heute als Flüchtlinge in den Nachbarländern. 

Die zahlreichen Waffenstillstandsabkommen, die sowieso nur informellen Charakter hatten, änderten nichts daran, dass sich vor allem die Minderheiten der Karen, der Shan und der Kachin in einer Art Bürgerkrieg mit dem burmesischen Militär befanden. Als Thein Sein Anfang 2011 das Amt des burmesischen Präsidenten antrat, keimte Hoffnung auf. Zwar stammte er aus dem Militär, doch galt er als gemäßigter Reformer. Und tatsächlich betrieb er eine vorsichtige Öffnung des zuvor international isolierten Landes. Auch in Sachen Minderheiten schlug Thein Sein einen neuen Weg ein, er räumte der Beilegung der ethnischen Konflikte oberste Priorität ein und bot allen Rebellen Verhandlungen ohne Vorbedingungen an. Die Militärjunta verlangte zuvor noch, dass sich die Rebellenkämpfer in die regulären Grenztruppen integrieren müssten.

Eine Friedensaktivistin im Juni 2013 bei einem Protestmarsch in der burmesischen Stadt Rangun. Ihre Gesichtsbemalung symbolisiert die zahlreichen Opfer, die der Bürgerkrieg zwischen Kachin-Rebellen und dem burmesischen Militär gefordert hat. Nun wurde ein neues Friedensabkommen geschlossen. Ob es hält, wird sich zeigen. (Foto: AP / Gemunu Amarasinghe)

Die neue Strategie trug rasch erste Früchte, Ende 2011 konnte mit Teilen der Shan, eine der schlagkräftigsten Rebellengruppierungen, ein Waffenstillstand vereinbart werden. Nur wenige Monate später folgte ein ähnliches Abkommen mit Teilen der Karen-Minderheit. Gleichzeitig eskalierte aber der Konflikt mit den Kachin-Rebellen im Norden des Landes. Doch auch hier wurde erst letzte Woche ein Abkommen unterzeichnet, das der erste Schritt zu einem langfristigen Frieden sein soll.

Allerdings zeigen Vergangenheit und Gegenwart, dass solche Vereinbarungen nur selten von Dauer sind. Am Donnerstag explodierten im Bundesstaat Shan drei Bomben, ein Beamter kam dabei ums Leben.

Die Grundsatzziele könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Rebellen fordern größtmögliche Autonomie, während die burmesische Regierung in den Gebieten der Minderheiten vor allem an den Bodenschätzen interessiert ist und zudem Großprojekte wie Staudämme dort realisieren will. Thein Sein muss hier also ein ausgesprochen schwieriger Spagat gelingen.

Sonderfall Rohingya

Dann gäbe es noch den Konflikt mit der muslimischen Minderheit der Rohingya, der seit rund eineinhalb Jahren schwelt. Diese gehören nicht zu den 135 offiziell anerkannten Minderheiten in Burma, weshalb den Rohingya nicht einmal die elementarsten Rechte zugestanden werden.

Und schließlich gilt es die Ressentiments zwischen der Mehrheit der Birmanen und den ethnischen Minderheiten abzubauen. Dass diese durch die jahrzehntelangen Konflikte weiterhin sehr ausgeprägt sind, haben die jüngsten Bombenanschläge eindrucksvoll bewiesen. (Kim Son Hoang / Grafik: Florian Gossy, derStandard.at, 17.10.2013)

  • Burma und seine Unterteilung in Staaten und Divisionen. Staaten sind jene Regionen, die hauptsächlich von Minderheiten bewohnt werden: Rakhaing, Chin, Kachin, Shan, Kayah, Kayin und Mon. In den Divisionen leben vorwiegend die Birmanen.
    foto: wikimedia commons/public domain

    Burma und seine Unterteilung in Staaten und Divisionen. Staaten sind jene Regionen, die hauptsächlich von Minderheiten bewohnt werden: Rakhaing, Chin, Kachin, Shan, Kayah, Kayin und Mon. In den Divisionen leben vorwiegend die Birmanen.

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